Energiewende mit Nachhaltigkeit

Energiewende mit Nachhaltigkeit

 

Mit Betrachtungen vom muslimischen und christlichen Standpunkt

Michael Sendker und Detlef Obens

 

Rote Sonnen auf gelben Stickern verkünden lachend den sofortigen Atomausstieg! „Fukushima ist überall“!? Die Frage nach der Energiewende ist in aller Munde. Bilder aus Japan sind Wasser auf den Mühlen der ohnehin eingeleiteten Entwicklung weg von der Kernenergie hin zur Unabhängigkeit vom Uran. Die Diskussion dreht sich nicht mehr darum, „ob“, sondern „wann“ der endgültige Ausstieg stattfinden soll. Am besten sofort, lieber schon gestern als heute, hört man von einigen. Allerdings will man auch nicht im Dunkeln sitzen.

 

Was wir anscheinend zunächst einmal brauchen, ist Licht im Dunkel der alles umspannenden Frage nach dem Ausstieg aus der Kernenergie. Wie soll der Mensch am besten mit den natürlichen von Gott geschaffenen Ressourcen umgehen? Wie soll er mit der Schöpfung Gottes umgehen?

 

Werfen wir einen Blick auf das Fundament: Der Glaube. Eine Betrachtung vom muslimischen und christlichen Standpunkt

 

„Macht Euch die Erde Untertan“, so steht es schon im ersten Buch Mose geschrieben. Also zugreifen, nehmen, verbrauchen, (aus-)nutzen? Zwar besitzt der Mensch – im Gegensatz zu den anderen Geschöpfen – die Fähigkeit zur Gewissensbildung, zur Unterscheidung. Auch hat Gott über Propheten zu den Menschen gesprochen und im Christentum ist er durch Jesus sogar Mensch geworden als Zeichen seiner unendlichen Liebe. Ihm kommt somit eine besondere und herausragende Rolle auf der Erde zu.

 

Aber aus all diesen Fähigkeiten und der menschlichen Freiheit folgt auch Verantwortung, nämlich für das, was den Menschen gegeben ist, und für die Art und Weise, wie sie damit umgehen und, wie sie das ihnen Gegebene hinterlassen! Er ist ein ganz besonderer Teil der Schöpfung, jedoch eben nur Teil und nicht Herr über die Schöpfung.

 

Der Mensch besitzt hieraus folgernd eine unvertretbare Verantwortung. Er ist wie der Koran in Sure 6, 165 schreibt „????????????“(khalifa), was im Deutschen als Nachfolger oder Statthalter übersetzt werden kann. So soll er – um die Brücke zur Bibel zu schlagen – als Gottes Abbild die Schöpfung „behüten und bewahren“ (Gen 2,15). Darin zeige sich der wahre Herrschaftsauftrag: Mit der treuhänderisch anvertrauten Schöpfung verantwortungsbewusst umgehen.

 

Doch wie wir wissen, hielt sich der Mensch nicht immer an diese Forderung: Schon in der zweiten Generation der Menschheit, wie Koran und Bibel unisono berichten, gibt es den ersten Mord: (Der in der Bibel) Kain (genannte) tötet seinen Bruder (Abel). Er versündigt sich gegenüber Gottes Werk. Schon hier wird deutlich, dass der Mensch trotz seiner herausragenden Stellung in der Schöpfung zum Bösen fähig ist. So ist „Verderben zu Land und Meer in Folge dessen, was der Menschen Hände wirken“ (Sure 30, 41), leider eben auch möglich.

 

Ein Zeitsprung ins Jahr 1986, in die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, genauer in die Nähe der Stadt Prypjat. Es kommt im Kernkraftwerk Tschernobyl aufgrund menschlichen Versagens und ausbleibender Sicherheitsmechanismen zur Explosion des Reaktors. Massenweise auftretende Krebserkrankungen, Missbildungen und weitere Krankheitsfälle pflastern seither den geschichtlichen Weg dieser Reaktorkatastrophe. Eine Katastrophe, die auch in Zeiten des Kalten Krieges nicht einmal vor dem Eisernen Vorhang Halt machte. Eine Katastrophe, die zeigte, dass die Welt doch nicht so groß ist, wie man dachte. Eine Katastrophe, die selbst in Deutschland gestandene Männer dazu bewegte, ihre Salatgewächse aus Angst vor radioaktiver Verschmutzung zu entsorgen.

 

Keine 25 Jahre später wird die Welt erneut durch eine Reaktorkatastrophe erschüttert. Geografisch treffen sich in der Region um Japan gleich mehrere Erdplatten, die sich in der Weltgeschichte immer wieder bewegten und so die heutige Form der Kontinente bestimmen. Kleinere Bewegungen, Reibungen zwischen den Platten führen immer wieder zu Erd- bzw. Seebeben. So auch am 11. März 2011. Es ereignet sich das heftigste Beben seit Beginn der japanischen Erdbebenaufzeichnungen mit den Folgen, dass zum einen die Erde für einige Momente nicht still stand, und zum anderen ein Tsunami ausgelöst wurde, der nach Berichten mit einer Höhe von 14 m das Kraftwerk Fukushima traf und so eine schwere Katastrophe auslöste. Hierauf war man nicht vorbereitet. Und das obwohl es durchschnittlich alle 36 Jahre zu solch großen Tsunamis mit einer Höhe von über 10 m kommt. Natürlich ist die Naturgewalt enorm und der Mensch ist ihr – wie man sehen kann – oft machtlos ausgesetzt. Hätte man diesen Faktor in einer Erdbebenregion wie Japan ernster genommen, wäre diese nukleare Katastrophe womöglich ausgeblieben. Dass die Japaner dann auch noch so lange von verantwortlichen Behörden im Unklaren gelassen wurden und Kritik aus dem Ausland nicht wirklich akzeptiert haben, fügt sich traurigerweise in das Gesamtbild ein.

 

Diese Beispiele machen eines deutlich: Der Mensch kommt im Zuge seiner Freiheit immer wieder seiner Verantwortung nicht nach. Seiner unvertretbaren Verantwortung, umsichtig und vor allem nachhaltig zu handeln.

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

 

Nachhaltiges Handeln bedeutet, dass wir Menschen aus einer gleichberechtigten Balance heraus handeln, bestehend aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Interessen. So ist die Zukunftsfähigkeit einer Zivilisation möglich. Es darf nicht sein, dass die eine Komponente gegen die andere ausgespielt oder vernachlässigt wird. Das heißt konkret: Man kann nicht nur die wirtschaftlichen Interessen auf Kosten der Umwelt bedienen. Kurzfristig mag so etwas ja ganz nett und erfolgreich sein, langfristig jedoch nicht. Das gleiche gilt übrigens auch umgekehrt. Trotz der Verschiedenheit der Interessensrichtungen ist eine Einheit in der Wertigkeit ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Interessen unerlässlich.

 

Konsequenzen für die Kernkraft Debatte

 

Es ist sicherlich keine Frage, dass ein Ausstieg aus der Kernenergie nötig ist. Nicht nur, weil Uran begrenzt ist, sondern schon aus rein ethischen Gründen: Zu nennen sind hier Terrorgefahr und auch die Frage nach der Endlagerung.

 

Wenn wir nun fordern „Raus aus der Kernenergie und zwar so schnell wie möglich“, sollten wir nicht überstürzt, sondern eben realistisch handeln.

 

Wagt man den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie (immer noch ein hoher Anteil an der Stromerzeugung), muss der Strom anderweitig besorgt werden. Da wir – um die Diskussion nun auf Deutschland zu beziehen – dies nicht aus eigener Kraft schaffen, müssen wir importieren. Importieren wir, steigen die Preise sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen. Dies führt dazu, dass man das Geld woanders einsparen muss. Ein Unternehmer – ganz logisch gedacht – muss bei höheren Kosten in der Produktion entweder das Produkt teurer machen, die Löhne senken oder im schlimmsten Fall seine Arbeiter entlassen. Senkt er die Löhne, haben die Arbeiter wiederum weniger Geld, was sie im Binnenmarkt einsetzen können. Entlässt er sie, haben sie noch weniger Geld und der Staat muss zudem mehr Sozialleistungen tragen und das ausgerechnet in Zeiten von nie da gewesener Staatsverschuldung (1,7 Billionen €).

 

Dies stellt natürlich nur ein Szenario dar. Es macht allerdings deutlich, dass ein Übergewicht an ökologischen über wirtschaftliche Interessen genauso wenig nachhaltig ist wie umgekehrt. Wenn allgemein weniger Geld zur Verfügung steht, kann das Geld auch nicht im sozialen Bereich und schließlich auch nicht für ökologisch richtigere – aber eben teurere –  Maßnahmen investiert werden. Die Katze beißt sich so letzten Endes nur in den eigenen Schwanz.

 

Nur zu sagen „Fukushima ist überall“ und in Panik zu verfallen, hilft uns nicht weiter. Das Thema ist viel zu ernst, als dass man mit Ängsten spielt und emotionale Stimmungsmache betreibt.

 

Es ist sicherlich im Sinne aller, wenn Kernenergie nur als eine Brückentechnologie genutzt wird. Ein Ausstieg ist möglich. Wie dies im Detail geschehen kann, sollten allerdings Experten beurteilen.

 

Nur wenn wir diesen Ausstieg wirklich wollen, dürfen wir uns nicht selbst im Weg stehen und beispielsweise mehr Offshore Windparks fordern, gleichzeitig aber die Stromleitungen von der Nordsee in die Ballungsräume blockieren. Es nützt ja nichts, wenn Strom im hohen Norden produziert, aber nicht in den Süden transportiert wird. Und wenn selbst Greenpeace auf Kosten geringerer Laufzeiten sich für Gaskraftwerke ausspricht, dann wirkt es schon paradox, wenn andere Umweltaktivisten auch hiergegen protestieren.

 

Ausstieg ja bitte, aber bitte auch machbar! Darüber sind sich mittlerweile die Parteien in Berlin einig. Jedoch gibt es den Atomausstieg nicht zum Nulltarif. Und darin sind sich die Experten einig. Auf Deutschland kämen – Prognosen zu Folge – ca. 1.500.000.000 € zu, vergleichbar mit den Kosten der Wiedervereinigung. Seit dem Beginn des Atom-Moratoriums muss schon Strom aus dem Ausland importiert werden. Doch die Stromleitungen aus den Nachbarländern sind mittlerweile ausgelastet. Es könnte sogar der blackout in einigen Regionen drohen. Das will auch keiner. Es ist für uns mittlerweile ja selbstverständlich geworden, dass der Strom aus der Steckdose kommt. Vielleicht wäre es eine Maßnahme, zunächst bei sich selbst anzufangen und das ein oder andere Gerät weniger ans Stromnetz zu schließen!?

 

Wirtschaftlichen Erfolg mit Umweltfreundlichkeit und sozialer Gerechtigkeit auf einen Nenner bringen: Nur eine ausgeglichene Balance, die auf realistischen Beurteilungen und rationalem Menschenverstand fußt, kann die Lösung sein. So wird die Menschheit noch in Zukunft die Schöpfung Gottes bewundern und sich daran erfreuen können.

 

„Ihr Kinder Adams […] esst und trinkt, aber überschreitet das Maß nicht.“ Sure 7, 31

Und eben der maßvolle Umgang mit den Ressourcen und somit der von Gott geschenkten Schöpfung ist entscheidend. Die Schöpfung ist ein Geschenk und sollte auch entsprechend wahrgenommen werden. So können wir es schaffen durch den vernünftigen und nachhaltigen Umgang, – um hier mit den Worten von Papst Benedikt XVI. zu schließen – „die Erde den neuen Generationen in einem Zustand zu übergeben, sodass auch sie würdig auf ihr leben und sie weiter kultivieren können“.

 

Michael Sendker und Detlef Obens

michael_sendker@yahoo.com und do@xtranews.de

Publiziert in der Ayasofya 36, 2011

 

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