Al-Rahman – ein Augenblick des Nachdenkens

Al-Rahman – ein Augenblick des Nachdenkens

 

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Gespräches zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen, dass überalles Mögliche diskutiert wird, aber nicht über zentrale Inhalte der muslimischen Gläubigkeit wie z.B. der Niya, Niyet oder auch der Barmherzigkeit. Nun wird man erstaunlicher Weise in manchen Ilmihal vergeblich im Index nach dem Stichwort rahman suchen; in anderen findet man zwar das Wort, aber wenn man dann die entsprechende Seite aufschlägt, dann steht dort kaum mehr als, dass rahman zu Seinen schönsten Namen gehört. Aber vernimmt der Gläubige im tadjwid nicht als erstes, dass Er der al-rahman und al-rahim ist?  Und führen nicht 113 Suren mit dem Bezug auf rahman und rahim  auf seine Offenbarung zu, die in sich selbst eine Barmherzigkeit ist?

Beide Wörter gehen auf die identische Wurzel zurück „rahm“, die sowohl auf die Gebärmutter verweist als auch auf einen Ursprungsort. Man mag nun darüber streiten, welche der beiden denkerischen Möglichkeiten die angemessenere sei. Wenn man den Mutterschoß im tafsir betont, dann ist Seine  Barmherzigkeit  gleich der einer Mutter gegenüber ihrem ungeborenen Kind. Wer in seiner Deutung der Offenbarung den Ursprung der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt, der wird sich der ayat der nachfolgenden Sure erinnern. Dort heißt es: „Wir haben dir nicht den Qur´an von droben erteilt, um dich unglücklich zu machen, sondern nur als Ermahnung für alle, die Ehrfurcht haben: eine Offenbarung von Ihm, der die Erde und die hohen Himmel erschaffen hat, der Erbarmer, der auf dem Thron Seiner Allmächtigkeit sitzt.“  (21: 1-5) An dieser Stelle werden Barmherzigkeit und Allmacht zusammen gesehen. Die Barmherzigkeit entspringt Seiner Allmacht.

Im Deutschen verbindet man mit dem Begriff der ´Allmacht` eher den Begriff der ´Gnade´ als dem des ´Erbarmens´. In den deutschen Qur´an Übertragungen schwankt daher rahman bzw. rahim zwischen dem Wort Gnade, Huld  und Barmherzigkeit. Wer den ehrwürdigen Text in deutscher Fassung liest, der sollte sich an den entsprechenden Stellen des arabischen Wortes und seiner Bedeutungsbreite bewusst sein bzw. der Ambivalenz der jeweiligen Aussage.

 

 

Gedanklich bleibt jedoch die Spannung zwischen  dem Einen, dem Einen Schöpfer, dem Herrn der Welten, dem keiner gleich ist, und Seiner Allmacht, der Richter, der Herr am Tage des Gerichtes sein wird, und Seinem Wort, der Barmherzige zu sein. So ist es verständlich, wenn Gläubige auf diese gedankliche Spannung mit dem Blick auf die Rechtleitung reagieren, d.h. danach fragen, was rechtes Tun und Handeln ist. Sie wenden sich damit der Dimension von halal bis haram zu. Wer immer sich der Grenze zum haram zuwendet, der sollte sich jedoch des rahmans erinnern.

Der fehlbare Mensch bedarf Seiner Barmherzigkeit. Im Zentrum sufischer Überlegungen steht daher – bei aller strengen persönlichen  Orthopraxie – Seine Liebe bzw. die Liebe Seines Geschöpfes zu Ihm. Und so ist der Weg zur Quelle, der Schari´a, stets auch ein Weg zu seiner Barmherzigkeit. Es wäre unglücklich, wenn die Gläubigen dies vergäßen.

Allein Allah weiß es besser.

 

Wolf D. Ahmed Aries

w.d.a.aries@online.de

Publiziert in der Ayasofya 40, 2012

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