Die Frau (und der Mann) im Islam?

Die Frau (und der Mann) im Islam?

Differente Bedeutung der Körperlichkeit im Islam und im Christentum

Die meisten Bücher, die über den Islam geschrieben werden, tragen den Titel „Die Frau im Islam“. An einen Titel wie „Der Mann im Islam“ haben sich bisher nur wenige getraut. Auch findet man so gut wie keine Bücher zum Thema „Die Frau im Buddhismus“, „…im Hinduismus“, oder „… in der Scientology“.

Der Grund liegt auf der Hand: Unkenntnis. Unkenntnis über den Aufbau der Gemeinschaft, die der Islam schafft. Die starre Anwendung christlichen Wissens auf islamische Phänomene bringt nicht nur falsche Ergebnisse von Forschungsarbeiten sondern führt auch in eine Sackgasse. Einige der Unterschiede, die beachtet werden müssen, werden nun in dieser kurzen bescheidenden Arbeit skizziert.

Im Christentum steht das Individuum im Zentrum der Betrachtungen. Im Islam jedoch, ist nicht das Individuum sondern die Gemeinschaft, die umma, das ausschlaggebende.

Die Ausblendung des Körpers ist ein zentraler Punkt der christlichen Gemeinschaft. Es herrscht eine Leib- und Sexualfeindlichkeit. Es gibt eine horizontale Trennungslinie. Im Islam ist dies genau im Gegenteil. Der Islam hat eine vertikale Trennungslinie. Körper und Leib werden positiv bewertet (Mihyicazgan, 1994, S.46). In christliche Gesellschaften gibt es somit eine Körperlosigkeit.

Die christliche Theologie sieht den Körper als Übel der Existenz. Die Augustinische Lehre von der Erbsünde führt zur Leibfeindlichkeit des Menschen. Sexuelle Bedürfnisse kommen demnach vom Teufel. So ist Leib eher mit Leiden als mit Lust zu assoziieren (siehe als Beispiel Jesus am Kreuz). Dieses Gedankengut führte dazu, dass in der Aufklärungszeit sowohl das Christentum als auch der Körper an Bedeutung verlor. Man spricht hier von einer Entkörperlichung. Die christliche Gesellschaft wurde zu einem geschlechtsneutralen Raum. Diese Trennungslinie gilt im westlichen Denken als „normal“ und „natürlich“. Andere Gesellschaften hätten sich daran zu halten, weil sie „gut“ sei. Allerdings ist sie nicht wirklich naturgebunden, sondern kulturell konstruiert (Mihyicazgan, 1993, S.93ff).

Die islamische Gesellschaft steht hier im krassen Gegensatz. Bei ihr herrscht die Trennung zwischen Mann und Frau im öffentlichen Raum. Es gibt also eine Geschlechtertrennung. Aber nicht, weil der Mann über der Frau oder die Frau über dem Mann steht, sondern da der Körper heilig ist. Männer und Frauen haben überall im gesellschaftlichen Leben ihre eigenen Räume. Körper und Sexualität gelten als lustvoll. Sie, Mann und Frau, ziehen sich an und bilden in der Ehe eine Einheit (Mihyicazgan, 1993, S.94ff)

Da diese Unterschiede nicht beachtet werden oder gar nicht bekannt sind, wagen sich „Forscher“ an Titel wie „Die Frau im Islam“. Notwendigerweise kann hier keine wahrheitsgetreue Analyse zu Stande kommen. Da man die Unterschiede nicht beachtet, glaubt man, die Trennung des öffentlichen Raumes in muslimischen Gesellschaften, wäre eine Unterdrückung des jeweils anderen Geschlechtes.

Themen wie z.B. das Kopftuch sind ein Paradebeispiel für die Sackgasse derartiger Wissenschaftler, die die westliche Schablone auf islamische Gesellschaften zu übertragen versuchen. Das Kopftuch ist weder eine Erfindung von Muhammed (Friede sei auf Ihm) noch eine Form der Unterdrückung an der Frau selbst. Da der Körper im Islam heilig ist, gibt es sowohl für den Mann als auch für die Frau Bedeckungsformen im Islam. Der weibliche Körper gilt als reizend. Der männliche nicht. Dadurch ist die Verhüllung der Frau ein Ausdruck ihres weiblichen Körperbewusstseins und der Stärke der Frau (Mihyicazgan, 1993, S.95).

Cemil Sahinöz

Literatur:

  • Mihciyazgan U.: Die Macht der Kultur. Muslime in einer christlich geprägten Gesellschaft. In: Leggewie C., Senocak Z. (Hrsg.): Deutsche Türken. Das Ende der Geduld / Türk Almanlar. Sabrin Sonu. Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg, 1993, S.92-102
  • Mihciyazgan U.: Identitätsbildung zwischen Selbst- und Fremdreferenz. Überlegungen zur Beschreibung der Identität muslimischer Migranten. In: Schreiner P. (Hrsg.): Identitätsbildung in multikultureller Gesellschaft. Münster, 1994, S.31-48

Publiziert in: Ayasofya, Nr.21, 2007, S.37

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