Die Schulen des Islams

Die Schulen des Islams

Da die Prophetengefährten stets auf dem Hof des Masjid an-Nabawi (Prophetenmoschee in Medina) unter einem Sonnendach verweilten, das „Suffa“ hieß, wurden sie „Ashabi Suffa“, „Die Gefährten der Suffa“ genannt.

Nachdem der Prophet Muhammed (Friede und Segen seien mit ihm) von Mekka nach Medina auswanderte, widmete er sich u.a. als Erstes der Errichtung der (Bildungs-)Einrichtung namens „Suffa“ direkt neben der erbauten Moschee. Suffa war eine Einrichtung, die sich täglich mit lernwilligen Besuchern füllte und von wohlhabenden Muslimen finanziert wurde. Außerdem gab es auserwählte Muslime, die ihr ganzes Leben der Bildung widmeten und Tag und Nacht dort lebten. Die Bildungsaktivitäten der Suffa und die Prophetenmoschee „Masjid an-Nabawi“ waren stets eine Einheit.

Die Zahl der Suffa-Gefährten schwankte zwischen zehn und 400. Niemals wichen sie von der Seite des Propheten und fehlten bei keinem seiner Unterrichte. Tag und Nacht lernten sie, lasen den Koran und lernten Überlieferungen und Aussprüche des Propheten (Hadithe) auswendig. Ihre Tage verbrachten sie mit Gottesdiensten, ihre Gebete verrichteten sie gemeinsam mit dem Propheten.

In der Suffa gab es außerdem noch einen Bereich, der ausschließlich für den Unterricht der Frauen vorgesehen war. Jeden Donnerstag wurden die Frauen dort persönlich vom Propheten Muhammed (Friede und Segen seien mit ihm) unterrichtet.

Nachdem die Suffa-Gefährten ihre Lehre vollendeten und ein gewisses Niveau erreichten, gingen Sie als Auserkorene des Propheten, ohne jegliche Erwartungen in ferne Länder und dienten dort als Lehrer.

Der Prophet Muhammed (Friede und Segen seien mit ihm) sagte einst: „Wer meine Stätte aufsucht, hat das Lernen und Lehren im Sinn und ist jemand, der sich auf Allahs Weg abmüht.“ Die Prophetenmoschee und die Suffa-Einrichtung waren ein unentbehrlicher Quell der Lehre und des Wissens und die Prophetengefährten wurden vom Volk in Medina geliebt und geschätzt.

Wenn der Gesandte Gottes zu einem Essen eingeladen wurde, nahm er auch seine Gefährten mit. Er war stets der Erste, der sich um die Bedürfnisse und Anliegen der Ahlus Suffa kümmerte. Wenn ihm Spenden (Sadaqa) zuteil kamen, so gab er sie, ohne sie auch nur anzurühren, an seine Gefährten weiter und wenn ihm Speisen geschenkt wurden, so aß er etwas davon und rief die Suffa-Anhänger herbei, damit sie auch mitaßen.

Da die Suffa-Gefährten stets mit dem Propheten zusammen waren, nährten sie sich direkt von der spirituellen Quelle, so dass sie ihren Charakter und Anstand binnen kurzer Zeit veredelten und das aufgenommene Wissen nachhaltig behielten. Auch bei der Verbreitung des Islams und der Wahrung von Wissensquellen haben sie zweifelsohne eine große Rolle inne.

Gewiss besteht bezüglich der Spiritualität und Lebensart eine Ähnlichkeit zwischen den Suffa-Anhängern und den heutigen Sufis. Im Allgemeinen führten die Suffa-Gefährten ein Leben, in dem sie dem Diesseits und dem Materiellen keine besondere Bedeutung beimaßen. Sie waren in tiefer Liebe mit Allah verbunden und verrichteten ihre Gottesdienste, um sich ihrem Schöpfer weiter zu nähern. Eine der wichtigsten Eigenschaft der Suffa-Gefährten ist, dass sie Anhänger des Dhikr (Lobpreisung Allahs) sind. Die heutigen Sufis bemühen sich, mit der gleichen Sichtweise auf das Leben im Dies- und Jenseits zu leben und messen dem Dhikr eine große Bedeutung bei.

Die Lebens- und Lehrweise wird heute in ähnlicher Weise in Tariqas, in sogenannten Sufi-Orden, in ähnlicher Form umgesetzt. So wie die Suffa-Anhänger vom Propheten oder eines seiner Lehrvertreter erzogen wurden, werden auch die heutigen Sufis von ihren Sheikhs bzw. Sufimeistern oder dessen befugten Vertretern erzogen und angeleitet und gehen ihren täglichen Dhikr-Übungen nach. Einige Tariqas haben das größere Glück, von einem Nachkommen des Propheten Muhammed (Friede und Segen seien mit ihm) geführt zu werden, der die Eigenschaften des Propheten verinnerlicht hat und seine Schüler zu einem vollkommenen Charakter anleitet.

Tekke/Dergah – Sufi-Haus

Die Tradition der Suffa wurde in den islamischen Ländern fortgesetzt. Die gottesdienstlichen Einrichtungen hatten nicht nur die Funktion einer Gebetsstätte, sondern auch die einer Schule. Diese Methode ist bis heute existent geblieben. Obwohl die Einrichtungen der Tariqas nach dem Ende des Osmanischen Reichs und der Gründung der Türkischen Republik offiziell geschlossen wurden und staatlich nicht anerkannt sind, konnten die Methodik und traditionelle Lehre bis heute, wenn auch unter schwierigen Bedingungen, bewahrt werden, so dass sie in Einrichtungen einiger Tariqas, die man „Tekke“, „Dergah“ oder „Asitane“ nennt, zur ganzheitlichen Bildung des Menschen beitragen und hohen Anklang finden.

In Tekkes kann man den Islam auf eine fortschrittliche Weise erlernen, da er von Awliya, also gesegneten Gottesfreunden gelehrt wird, die die höchste Stufe der menschlichen Veredlung und Vervollkommung erreicht haben. Wie am Anfang beschrieben, beinhalten diese Einrichtungen die Lehrtradition der Ahlu Suffa, aus dem das Wort “Sufi”, die Bezeichnung für die Schüler solcher Einrichtungen, abgeleitet wurde. Neben Moral, Ethik und vieler Disziplinen der Islamischen Theologie, werden auch u.a. Geschichte, Kunst, Literatur, Rhetorik und Naturwissenschaften gelehrt und bezwecken den Lernwilligen zu einem Vorbild für die Gesellschaft und zu einem vollkommenen Menschen (“al-Insan al-Kamil”) zu erziehen.

Außerdem hatten Tekkes die Funktion einer Raststätte für Reisende und einer Armenküche für Bedürftige. Heute noch wird vielen Bedürftigen mit großer Bedachtheit auf Diskretion geholfen, um die Würde jener nicht zu verletzen.

Das Schulsystem bei den Osmanen

Im Osmanischen Reich wurden so genannte “S?byan Mektebi” als Elementarschule errichtet. Diese waren eine Vorstufe zu den “Medrese-Schulen”, den Ober- und Hochschulen. Sie waren in jedem Wohngebiet vorhanden, was die Teilnahme der Kinder erleichterte, die im Alter von 5-6 Jahren eingeschult wurden. Die Söhne der Sultane (Sheikhzadeh) jedoch mussten im Alter von 4 Jahren 4 Monaten und 4 Tagen ihre Lehre beginnen. Auch Fatih Sultan Mehmed, unter dessen Herrschaft Istanbul erobert wurde, wurde ab diesem Alter intensiv ausgebildet und erzogen.

Unterrichtet wurden diese Kinder von jenen, die selbst im Sufismus unterrichtet worden sind. Denn Sufis bzw. Derwische hatten zu dieser Zeit das höchste Wissen und edelste Eigenschaften, um die Kinder wie ihresgleichen zu erziehen. Es gab keine Unterteilung in Klassen oder Schuljahre, die Kinder besuchten die Schule so lange bis sie die vorgesehenen Unterrichtseinheiten abgeschlossen hatten.

Der Bau und der Erhalt dieser Schulen wurden vom Sultan, von Wesiren oder wohlhabenden Menschen finanziert, die rechtschaffene Taten verrichten wollten. Die Ausgaben der Schulen wurden von den Eltern der Schulkinder getragen. Die Kosten der Kinder aus bedürftigen Familien wurden von den jeweiligen Wohngebieten der Schulen übernommen. Man schätzte und unterstützte jedes Kind mit dem Bewusstsein, das es mit seiner erworbenen Bildung wiederum zur Weiterentwicklung der Gesellschaft beitragen kann. Auch Waisenkinder wurden in diese Schulen aufgenommen. Für ihren Bedarf an Kleidung sowie Taschengeld kamen die Sultane auf.

Ohne Zweifel waren die Medrese-Schulen die wichtigsten Institutionen für die Bildung und Lehre der Osmanen. Es wurden u.a Mathematik, Astronomie, Philisophie, Geschichte, Erdkunde, Koranwissenschaft, Hadithwissenschaft und Fiqh unterrichtet. Die Schüler bekamen eine Ausbildungsvergütung vom Staat und die Bediensteten wurden ebenfalls für ihre Dienste entlohnt. Die Medrese hatten mehrere Zimmer zur Verfügung, in denen die Schüler nächtigten.

Die Schüler der Medrese waren beim Volk hoch angesehen, denn die Absolventen dieser wurden als Amtsträger und auf anderen wichtigen Posten des Staates eingesetzt: etwas als Theologen, Lehrer, Forscher, Richter, Ärzte, Mathematiker u.w. Manche stiegen sogar so weit auf, dass sie als Berater für die Sultane agierten.

Gelehrte wurden wieder zu Schülern

Trotz allem fällt auf, dass die hoch angesehenen Medrese-Schulen die Tekkes im Osmanischen Reich nicht absetzen konnten. Die Medrese-Absolventen hatten in der Gesellschaft zwar eine hohe Positionen inne, dennoch wurden Sufis und Derwische vom Volk schon immer mit Hochachtung angesehen, weil sie sich allein Allah hingeben und fern von weltlichen Belangen sind. Da die Medrese-Absolventen ihr Wissen gegen eine gewisse Entlohnung erlangten (was auch nicht verpönt war) und die Sufis und Derwische aber allein auf Allahs Wohlgefallen hofften, waren diese in den Augen des Volkes noch vertrauenswürdiger. Denn die Tekke-Schüler machten hilfebedürftige Menschen im Volk ausfindig und halfen ihnen mit Verpflegung oder körperlicher Arbeit, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Jene Sufis, die Geld verdienten aber in einer Tekke lebten, erließen ihren gesamten Lohn der Tekke.

Es ist nicht unüblich gewesen, dass viele Absolventen der Medrese ihre Ausbildung abbrachen oder ihr Amt niederließen, um Schüler von einem Sheikh zu sein. Die Lebensweise und Güte der Derwische beeindruckte alle Menschen, so dass ihnen jeder Respekt entgegenbrachte. Selbst die Sultane unternahmen nichts, ohne diese Sheikhs aufzusuchen und um ihren Rat und Segen zu bitten. Die Geschichte zeigt uns Namen auf, die aus solchen Tekkes stammen und sich in den Herzen der Menschen ihren Platz gewahrt haben:

Mawlana Jalaluddin Rumi war Direktor eine Hochschule bevor er sich der Erziehung von Shams Tabrizi hingab.

Aziz Mahmud Hüdayi war ein Richter, der dachte, er kenne alle Regeln des Islams bis er den Satz eines Sufis nicht in seinen Büchern wiederfand. “Du glaubst daran, dass Satan, obwohl er ein Feind des Gottes ist, zur gleichen Zeit an mehreren Orten sein kann, um verschiedene Menschen vom rechten Weg abzubringen. Wieso aber glaubst du nicht, dass ein Gottesfreund eine weite Entfernung in der kurzen Zeit eines Augenaufschlags zurücklegen kann?”

Ak?emseddin war ein Hocchschulabsolvent und auf der Suche nach mehr Wissen. Als ein Arzt, Forscher und eigentlicher Entdecker der Bakterie verließ er all seinen Besitz und wurde Schüler von Hac? Bayram Veli. Später war Ak?emseddin der Lehrer von Fatih Sultan Mehmed und eroberte mit ihm ?stanbul. Als die Menschen in Istanbul Fatih Sultan Mehmed als Zeichen ihrer Freude und Bewunderung Blumen überreichen wollten, entgegnete er: “Geht und überreicht die Blumen ihm. Ich bin zwar der Sultan, er ist aber mein Lehrer, ihm gebühren diese Blumen” und deutete auf Ak?emseddin.

Ob nun in der Elementarschule, Hochschule oder Tekke – es ist offenkundig, wie sehr die Erziehung und Bildung eines Menschen aus der Perspektive des Islams betont wird. Noch höher und wichtiger sieht der Islam jedoch die Veredlung des Charakters, des Anstands und der Moral an. Ohne diese Vorzüge ist jegliche Bildung wertlos, da sie das Fundament jedes Wissens sind.

Die Worte des Propheten Muhammed (Friede und Segen seien mit ihm) dazu lauten:

Der im Glauben vollkommenste unter den Gläubigen ist der mit dem besten Charakter.“ (Abu Dawud)

Arif A??rba?

arif.agirbas@hotmail.de

Publiziert in der Ayasofya 42, 2013

One comment

  1. le foot français est un bêtisier à lui tout seul ! comme disait Philippe Bilger, Escalettes dans les bras de Domenech, c’est l’inertie congratulant l&s;muorincoqpétence.

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