„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

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Alltag!

Schule; Freitag; 11. Klasse; Biologie; 6. Stunde; Müdigkeit.

 

„So, das Kultusministerium schreibt uns vor, dass wir für das Schuljahr 2012/2013 die Evolutionstheorie nach dem weisen Charles Darwin behandeln. Dazu schlagt ihr bitte die Seite 248 eures Lehrbuches auf“, dröhnte die Stimme von Frau Winkel-Schmidt.

 

Noch war Baki in seinen Träumen von vergangener Nacht versunken. Der Teenager spielte schon länger mit dem Gedanken, nach Abschluss seines Abiturs, die Welt zu bereisen. Seiner Mutter Hanifa berichtete er jeden Morgen von seinen Träumen und Überlegungen:

„Anne, ich werde erst nach Südafrika fliegen, von dort aus nehme ich die Fähre nach Madagaskar. Auf Madagaskar möchte ich einige Monate arbeiten. Wusstest du, dass …“, so fing er jedes Mal an, wenn er mal wieder geträumt hatte.

„… , dass Madagaskar die schönsten Riffe der Welt hat? … , dass dort Tiere leben, die wir in Europa höchstens im Zoo beobachten könnten?“, jedes Mal aufs Neue schaffte Hanifa Baki zu unterbrechen.

„Bakiii, wie oft? Wie oft soll ich mir das noch anhören? Ich habe dir schon unzählige Male gesagt, dass es im Leben Wichtigeres gibt, als das Reisen. Du hast so viele Freiheiten, die Andere nicht haben. Du kannst deine Freiheiten viel sinnvoller verwenden. Wie wäre es denn…“

„…, wenn ich mich in einem rückständigen Land für die Rechte und Freiheiten von Menschen einsetzen würde? …, wenn ich Minoritäten psychisch und physisch im Kampf gegen diktatorische Regimes unterstützen würde? … , wenn ich mich für Freiheiten Andersdenkender einsetzen würde? Oh Mamaaaaaa…“, nur allzu oft hatte er diese Sätze gehört. Gehört und wieder verdrängt…

 

„Richtig Kevin. Charles Darwin hat in seinem tollen Werk »Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« aus dem Jahr 1859, worüber ich übrigens meine Doktorarbeit geschrieben habe, seine Forschungsergebnisse zusammengetragen. Und im Jahr 1871 folgten weitere Ergebnisse in einem anderen Werk“, begann die Lehrerin und hörte zugleich auf zu reden.

„Baki, was hatte Darwin denn genau festgestellt?“, fragte sie.

Baki war nicht anwesend.

„Baaaki, ich fragte dich nach Darwin und seinen Feststellungen.“

Ganz erschrocken sprach Baki zu seiner Lehrerin: „Ähm, nun ja… wissen sie? Darwin hatte festgestellt, dass… Ja, er hatte in seinen Werken niedergeschrieben…“.

Ihm fiel nichts Gescheites ein. Einen Moment fragte er sich wirklich, was er in all den Jahren über Charles Darwin und über seine ach so tolle Evolutionstheorie gelernt hatte.

„Hmpf, gar nichts!“, sagte er leise zu seinem Sitznachbar Kevin mit der Hand vor dem Mund.

„Ich weiß gar nichts über ihn und seine komische Theorie!“

 

Frau Winkel-Schmidt runzelte mit der Stirn.

„Enttäuschend! Sehr enttäuschend über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts keinen leisesten Schimmer zu haben. Und du willst in einem Jahr dein Abitur machen, ja?“, fragte sie ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Verärgerung.

„Diese Hausaufgabe ist nur für dich!“, begann sie.

„Oh nein!“, seufzte Baki in Richtung Kevin.

„Zum nächsten Mal schreibst du mir eine einseitige, wissenschaftlich fundierte Stellungnahme zur Evolutionstheorie nach Charles Darwin.“

„Aber das dürfen sie doch nicht…“, wollte Baki noch erwidern ehe sie den Unterricht beendete.

„Baki, ich darf vieles! Als Lehrkraft habe ich viele Möglichkeiten und werde mir keine davon nehmen lassen. Packt eure Sachen zusammen. Bis Montag und schönes Wochenende!“

 

 

Daheim

13:40; Sommer; Sonne; Sonnenschein.

 

„Hallo Anne!“, begrüßte Baki seine Mutter.

„Ve aleykum selaam mein Sohn.“, erwiderte Hanifa.

„Diese blöde Kuh hat doch tatsächlich nur mir alleine eine Hausaufgabe gegeben! Boah, ich könnte ihr…“, er verstummte in seinem Murren.

Hanifa war skeptisch: „Sie wird doch sehr wohl einen Grund dafür gehabt haben!? Verrat‘ ihn mir!“

Sie setzte sich auf den Stuhl in der Küche, richtete ihr Kopftuch her und begann ihrem Sohn aufmerksam zuzuhören.

„Nee, im Grunde hatte sie keinen. Hm, naja vielleicht doch.“, musste Baki zugeben.

„Ich hab‘ nicht aufgepasst. Es ging um Darwin und seine Theorie da.“

„Die Evolutionstheorie.“, korrigierte seine Mutter ihn.

„Ja, genau. Evolutionstheorie. Jedenfalls hat sie mich drangenommen obwohl ich mich nicht gemeldet habe. Ich wusste natürlich nichts zu sagen. Dann meinte sie, sie könne mich bloßstellen. Von wegen »Und du willst dein Abitur machen, ja?« und so ein Mist.“, er ließ seiner Verärgerung freien Lauf.

„Sie meinte ich solle zur nächsten Stunde »eine einseitige, wissenschaftlich fundierte Stellungnahme zur Evolutionstheorie nach Charles Darwin« schreiben. Kotz…“

„Ganz im Gegenteil Baki. Ich bin sehr erfreut über die Reaktion deiner Lehrerin.“, sagte Hanifa und fuhr fort.

„Dass du dir über die Evolutionstheorie noch keine Meinung gebildet hast, wundert mich ebenfalls sehr. Es liegt mir am Herzen, dass du dich sobald wie möglich mit ihr befasst.“

„Das muss ich wohl zwangsweise tun.“, erwiderte Baki und verließ die Küche.

 

 

Wochenende

Mittag; 29°C.

 

„Ne, Mann! Ich kann nicht. Ich muss doch diese Stellungnahme schreiben. Jetzt ist mein ganzes Wochenende hin. Wäre gern mitgekommen.“, antwortete Baki auf die Frage von Kevin, ob er mit an den See fahren wollen würde.

Die halbe Nacht hatte er sich wieder seine Träume ausgemalt bis ihm diese Stellungnahme wie Magensäure hochkam und all seine Freude am Träumen versaute.

 

Er setzte sich an den Küchentisch und begann in seinen Unterlagen und Büchern zu recherchieren, während sein Vater Karim kläglich versuchte, einen Kuchen zu backen.

„Hanifa, muss ich das Backpulver vor oder nach den Eiern dazugeben?“, schrie er durchs ganze Haus.

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst mir das Backen überlassen. Mich hätte das weniger Zeit gekostet den Kuchen zu backen, als ständig in die Küche zu kommen…

Das Backpulver wird gemeinsam mit dem Mehl, nach dem Verrühren der Eier mit dem Zucker, dazugegeben.“

Unterdessen versuchte Baki sich in das Thema einzulesen: „»Nach der Theorie der gemeinsamen Divergenz…«“

„Baki, was ist das womit du seit einer Stunde kämpfst?“, fragte Karim seinen Sohn.

„Charles Darwin, Evolution…“, murmelte er leise vor sich hin.

„Wie bitte? Ich hab kein Wort verstanden. Jetzt richte dich mal hin und sprich lauter!“, wies sein Vater ihn zurecht.

„CHARLES DARWINS EVOLUTIONSTHEORIE, Sir!“, schrie Baki, stellte seine zwei Beine demonstrativ zusammen und salutierte vor seinem Vater.

Leicht amüsiert antwortete ihm sein Vater: „Gut, setzen sie sich Soldat!“

„Ich muss zu der Evolutionstheorie von Darwin Stellung nehmen. Aber ich komme einfach nicht voran. Genauso wenig, wie du mit deinem Kuchen vorankommst. Haha…“

„Ich hoffe du bist versierter im Stellung nehmen, als ich im Kuchenbacken.“, sagte Karim und stellte sich wieder zu seinem halb angerührten Teig.

 

»Laut Darwin stammen alle heutigen Arten von gemeinsamen Vorfahren ab. Dabei macht er keine Aussage darüber, ob das Leben einen einzigen Vorfahren oder mehrere hat.« Der hat doch nicht wirklich geglaubt Elefanten hätten die gleichen Vorfahren wie der Mensch. Auweia!“, zweifelte Baki.

„Ich möchte doch meinen, Fr. Winkel-Schmidt hätte Besseres zu tun gehabt, als eine Doktorarbeit über den gleichen Vorfahren von Elefant und Mensch zu schreiben.“

„Nein, das hat er sicherlich nicht geglaubt und sie hat bestimmt nicht darüber geschrieben mein Sohn.“, setzte Karim gleich ein. „Vielmehr hat Darwin daran geglaubt, dass der Mensch zu den sogenannten Primaten gehört, die heutzutage umgangssprachlich als „Affen“ bezeichnet werden.“, begann Karim seinen Sohn zu belehren, während er den Kuchen in den Backofen schob.

„Das heißt also unsere Vorfahren seien Affen gewesen?“, fragte Baki überrascht und zugleich sehr skeptisch.

„Moment, du bist ein wenig zu schnell. Er führte seine Forschungen weiter und meinte festgestellt zu haben, dass Arten in der Zeit veränderlich sind – der Affe sich also zum Menschen entwickelt haben könnte. Doch der entscheidende Punkt ist: Man kann diese Behauptung nicht wissenschaftlich nachweisen und man wird sie nicht nachweisen können. Denn um diese Hypothese zu belegen müsste er diesen sogenannten Evolutionsprozess erst einmal beobachten, dokumentieren und analysieren ehe er eine These bilden kann, die er anschließend belegt. Da der Evolutionsprozess aber Millionen von Jahren andauert, ist es gar nicht möglich ihn zu beobachten. Zudem haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten bis zu 500 Millionen Jahre alte Fossilien gefunden, die den Tieren der Gegenwart zu ähnlich sind, um die Veränderlichkeit von Arten zu belegen.“, nach dieser Aussage konnte Baki sein Staunen nicht mehr zurückhalten.

„Wie jetzt? Heißt das also, dass wir in diesen Schulbüchern eine Theorie lernen, die gar nicht belegt ist?“, entgegnete er nach dieser Feststellung.

„Ganz so einfach ist es nicht. Schließlich war Darwin ein Wissenschaftler und ein schlaues Köpfchen. Sagen wir es so: Er hat es sich zu einfach gemacht. Und bis Anfang des 21. Jahrhunderts hat man es sich einfach gemacht und die Theorie als erwiesen betrachtet und vermarktet. Diese Theorie hat noch viele Lücken.“, ließ Karim ihn wissen. „Bearbeite sie weiter und versuche dir die Lücken zu erschließen. Oder recherchiere nach ihnen. Für dich ist es sinnvoll diese Lehren zu studieren und dabei nie zu vergessen, dass du sie kritisch betrachten musst. Hinterher musst du dir treu bleiben und die Meinung äußern, die du dir gebildet hast. Wenn du das tust und dies nicht der konventionellen Meinung entspricht, muss deine Meinung sehr gut durchdacht und bearbeitet sein.“

Ein unangenehmer Geruch füllte den Raum.

„Papa? Riechst du nicht auch gerade, dass der Kuchen angebrannt ist?“, fragte Baki lächelnd.

„Oh nein. Mist! Hanifaaaaaaaaaaaaaaaa…“

Hanifa eilte herbei.

 

Und da schoss plötzlich etwas in Bakis Gedächtnis. Sein Leben lang hatte er über der Tür der alten Bücherei am Marktplatz diesen Satz gelesen. Als Kind hatte er sich immer gefragt was »Verstand« bedeutete und etwas später als er die Bedeutung endlich erschließen konnte fragt er sich, wie man sich »des Verstandes bedient«.

„Als ob das ein Stück Fleisch an einem Buffet sei. Bedienen?…“, hatte er jedes Mal, wenn er das Zitat von Immanuel Kant las, vor sich hin gesagt.

Aber nun, nach dieser Unterhaltung mit seinem Papa war ihm die Bedeutung dieses Satzes glasklar. Voller Begeisterung und mit nachdenklicher Miene flüsterte er vor sich hin:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

„Was? Wie? Hast du was gesagt Baki?“, fragte Karim mit den Händen wedelnd und völlig in Rage.

Baki war im Gedanken noch bei seiner Entdeckung und was er damit anstellen würde. Es blieb ihm nur übrig den Kopf zu schütteln.

„Dem Kuchen ist wohl nicht mehr zu helfen, Karim!“, entgegnete Hanifa ihrem Mann und brachte den schwarzen Kuchen, nachdem sie ihn kalt spülte, schnurstracks in den Mülleimer.

„Hoffentlich war eure Unterhaltung lehrreich. Dann wäre der Verlust des Kuchens ertragbar.“, sagte sie zu Baki.

„Mehr als lehrreich Mama…“, antwortete Baki ihr und packte seine sieben Sachen zusammen.

 

Dienstagmorgen

Ein Tag nach der Abgabe; Biologie; Ende der 3. Stunde; Anspannung.

 

„… und was hat sie dir gegeben?“, fragte Kevin seinen besten Freund Baki ziemlich neugierig.

„1-! Was hattest du denn gedacht?“, brachte Baki ihm entgegen.

Kevin, völlig aus der Rolle: „Was? Wie haste‘ das denn geschafft? Haste‘ ihr das zu hören gegeben, was sie sich gewünscht hat? Der Mensch sei Nachfahre des Affen und der Stärkste setzt sich durch und das ganze Geleier?“

„Nein! Mich hat jemand gelehrt, mir meine eigenen Gedanken zu machen. Mir die Freiheit zu nehmen, meine eigene Meinung zu bilden. Gesetze und andere Normen einer Gruppe nicht zwangsweise anzunehmen, sie kritisch zu betrachten und eine eigene Meinung zu formulieren. Sie auszusprechen, auch wenn sie nicht die konventionelle ist.“

„Eyeyeyey, jetzt mal halblang! Was schwafelst du fürn‘ Müll, Mann?“

„Müll? Weißt du was Müll ist? Müll kriegen wir tagtäglich in Zeitungen und im Fernsehen zu konsumieren. Verzehrte Wahrnehmungen und halbe Wahrheiten werden uns in diesen Medien in Form von Nachrichten und dergleichen als Normen verkauft.“, nun schweifte Baki wirklich vom Thema ab.

„Ich habe ihr wissenschaftlich fundiert meine Meinung über die Evolutionstheorie nach Darwin erläutert. Die Theorie ist eine Theorie und man kann sie mit vielen Faktoren widerlegen. Die 1- beweist mir, dass die Theorie mindestens genauso leicht widerlegt werden kann, als man sie belegen kann. Ich habe mich einfach meines eigenen Verstandes bedient…“

Aykut Ilaslan

a.ilaslan@ostfalia.de

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