Mein letztes Mal in Aleppo

Mein letztes Mal in Aleppo

 

Das Jahr 2012. Einige hielten mich für verrückt, als ich sagte,
dass ich auch diesen Sommer nach Aleppo fliegen würde.
Man hörte schon viel aus Syrien. Das Land, von dem jeder
dachte, auch hier würde der so genannte arabische Frühling
schnell zu einem Systemwechsel führen.
Das Risiko war es uns irgendwie wert. Wir wollten unsere
Verwandten sehen. Jene Verwandte, die sonst die Besuche
im Sommer zu einer Zeit der Unbeschwertheit werden
ließen. Voller spannender Reisen in all die faszinierenden
Teile Syriens, Kurztrips in den Süden der Türkei und einer
Küche, die weltweit für ihre vielfältigen Einflüsse berühmt ist.
Als ich nun da war, und es zu den ersten Schießereien, Toten
und Festnahmen kam, sagten sich die Einwohner noch, „die
Geschehnisse” seien in „zwei Wochen” vorbei. So nannte
man es, „die Geschehnisse“. Manche versuchten positiv
zu bleiben, andere waren nicht fähig, die Dinge einzuordnen.
Alle saßen gebannt vor ihren Fernsehern. Nicht nur für
die Bilder aus anderen Teilen Syriens, in denen die Situation

weiter eskaliert war, sondern auch wartend auf die Nachricht
der friedlichen Verkündung. Niemand wagte es von
Bürgerkrieg zu sprechen, niemand realisierte, was passierte.
Aleppo war immer und überall bekannt dafür, besonders
lebendig zu sein. Es klingt vielleicht seltsam, wenn ich sage,
dass ich die Zeit auch in dieser Unsicherheit genießen konnte.
Ich dachte, dass ich bald nach Berlin, in meine Heimat
zurückfliegen würde. Solange konnte ich fast schon unbeschwert
essen, durch die Straßen ziehen, einkaufen und Zeit
mit meinen Verwandten verbringen.
Für all die Menschen der Stadt aber war es ein Bangen um
die Zukunft ihrer Heimat. Wir hörten immer öfter Schüsse
und Knalle. Man sah gestorbene Menschen, bewaffnete
Gestalten, man fing an, die Angst überall zu spüren. Die so
lebendige Stadt war nur noch eingeschüchtert. Man verließ
die einem vertrauten Viertel nicht. Die Stadtgrenzen, gekennzeichnet
durch schwer bewaffnete Check-Points überschritt
man nicht mehr.

Die Stadt war überfüllt. Hunderttausende Menschen zog es
aus Flucht vor Kampfhandlungen in anderen Teilen Syriens in
die Metropole. Ihr Dasein kompensierte, dass das Nachtleben
um einiges heruntergefahren wurde. Sobald es dunkel wurde,
traf man überall in der Stadt Polizisten und unidentifizierbare
Bewaffnete an. „Einfach schnell vorbeilaufen“, sagte mein
Onkel immer. Niemand wollte in Kontrollen geraten oder
einen verdächtigen Eindruck hinterlassen.
Es war Ramadan. Und die Stadt gab sich Mühe, den schönen
Geist dieser gesegneten Zeit zu verbreiten. Die Straßen
waren geschmückt, die Traditionen wurden fortgeführt. Das
nächtliche Tarawih-Gebet zeigte aber, wie angespannt die
Stimmung war. Man betete so kurz wie möglich und, kaum
war man fertig, ging man eilig nachhause. Die ganze Stadt
stand unter Beobachtung. Niemand riskierte es, zum falschen
Moment am falschen Ort zu sein.
Die Rollläden der Geschäfte zierte immer
noch das Symbol mit dem Aleppo wenige
Jahre zuvor zur Kulturhauptstadt der
muslimischen Welt gewählt wurde. Nur
noch wenige mutige Exoten waren in
der Stadt unterwegs. Der große Ansturm von Touristen, den
man sich durch Restaurierung und Investitionen erhoffte,
blieb aus.
An Flüchten dachte hier noch niemand. Aleppo verstand sich
immer selbst als Fluchtpunkt der Völker. Einwohner anderer
Teile Syriens warfen der historischen Stadt im Norden
vor, stillschweigend zuzusehen. Es ginge ihnen gut genug,
einem normalen Leben nachgehen zu können. Es ist ein

unerwarteter Wink des Schicksals, dass heute ausgerechnet
Aleppo am schwersten unter dem Krieg gelitten haben soll.
Mit einem Konvoi fuhren wir durch die unsichere Nacht
zum Flughafen, es war die letzte Maschine, die bis heute
vom Flughafen Aleppo nach Europa aufbrechen sollte. Um
die Straße, die dorthin führt, wurde nur zwei Tage später
gekämpft.
Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich
im Flugzeug mit tränenden Augen auf Aleppo, mit der
Befürchtung, nie wieder diese Lichter sehen zu können,
runterblickte. Aleppo war für mich immer ein Ort der Zuflucht.
Das Gefühl von Sommerferien und Familie.
Heute ist der Großteil der Stadt zerstört. Orte an denen ich saß,
aß, lachte sind ebenerdige Schutthaufen. Es ist eine schon fast
luxuriöse, wenn ich diese Erinnerungen in
meinem warmen Zuhause in Berlin habe.
Während die Einwohner mit gebrochenen
Herzen und Seelen Zeugen eines grausamen
Bürgerkriegs sind, in dem manche
immer noch von einem totalen Endsieg
sprechen. Besiegt wurde Schönheit, Leben und Frieden. Aber
ein Sieg wird es niemals sein, niemand sieht mehr die Lichter.
Die Tränen bleiben.
TAREK BAÉ

Ayasofya Nr. 57

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