Paradigmenwechsel in der Gesellschaft

Paradigmenwechsel in der Gesellschaft

„Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, das du es sagen darfst.“ Voltaire

Es kommt nicht darauf an, was AUF dem Kopf ist, sondern, was IM Kopf ist.

Eine Gesellschaft besteht aus verschiedenen Individuen, die unterschiedliche Denkmuster und -richtungen haben. Dies ist mehr als selbstverständlich und normal. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn diese verschiedenen Denkrichtungen und Unterschiedlichkeiten zu einer Einheit zusammenkommen. Es ist nicht nötig, dass die Unterschiedlichkeiten von jedem Individuum geteilt werden, lediglich die Toleranzbereitschaft reicht hierfür aus. Doch nur Diejenigen können tolerant zu anderen sein, die ihre Identität unzweifelhaft gewonnen haben und somit einen stabilen Rückhalt im Eigenen besitzen. Intoleranz und Gewalt übt oft derjenige aus, der eigene Zweifel nicht überwinden konnte und sie so fanatisch unterdrücken muss!

Daher ist es wichtig, dass jedes Individuum die Chance bekommt, sich selbst zu entfalten, um eine stabile Identität zu gewinnen. Dies geschieht zumeist in der Jugendzeit. Als Jugendlicher ist man auf der Suche nach einer Identität, die einen bis zum Ende des Lebens begleitet. Auch wenn sich viele dieser Suche nicht bewusst sind. Die Entstehung der Identität entwickelt sich schon im Kindesalter. Die Sozialisation eines Kindes beeinflusst seine Identitätsbildung. Daher spielen die Eltern in diesem Punkt eine gewichtige Rolle.

Der „Einflusskuchen“ wird mit steigendem Alter von anderen Faktoren belegt. Der Einfluss der Eltern sinkt, der Einfluss von externen Faktoren, wie z.B. Freunde, Schule, Autoritätspersonen, Idolen steigt.

Die Schulbildung und der Karriereweg eines Jugendlichen sind die festigenden Steine auf dem Weg der Identitätsbildung. In dieser Phase ist es wichtig, dem Jugendlichen eine Chancengleichheit in der Bildungs- und Berufswelt zu versichern. Soziale und ethnische Herkunft dürfen dabei keinen Einfluss auf Bildungschancen haben. Jedes Individuum, gleich welcher Weltanschauung, muss die gleichen Zugangschancen haben. Eine Diskriminierung auf diesem Gebiet, schadet nicht nur dem Jugendlichen selbst, sondern auch schlussendlich der Gesellschaft.

Gerade wenn Arbeiterkinder oder Kinder von Ausländern und Aussiedlern systematisch benachteiligt werden, grenzen sie sich weiter aus. So wird ein großer Teil der Migranten (z.B. Kopftuchtragende Frauen) von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie haben keine Möglichkeiten an der „Beteiligung“ in ihrem sozialen Umfeld. In dem man diese Menschen systematisch aus Bildung und Politik ausschließt, lässt man zu, dass diese sich abgrenzen. Menschen mit Qualifikationen werden aus illegitimen Gründen wie Kopftuch vom Berufsleben entfernt. Dass Kopftuchtragende Lehrerin nicht unterrichten dürfen ist das gleiche, als würde man Jemandem einen Führerschein geben und ihm sagen, dass er nicht auf der Straße Auto fahren darf, sondern nur auf einem Testgebiet!

Diese Ausgeschlossenen schließen sich nun in einem zweiten Schritt selber noch einmal aus und sehen die Integration eher als Assimilation, was ein Paradox zur Integrationspolitik ist. Diese Tatsache wird aber besonders von den Medien (teilweise bewusst) übersehen, so dass dieses Phänomen einfach als „Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe“ bezeichnet wird. Sie schieben die Schuld also denen zu, die sie selber aus der Gesellschaft und der Politik permanent ausschließen. „Kulturkonflikt“ oder „Leben zwischen den Welten“ sind die Argumente, die dann benutzt werden, um zu externalisieren. So wird z.B. die muslimische Kultur als Fremdkörper aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Es werden zunehmend mehr Parallelgesellschaften produziert, obwohl man diese doch bekämpfen wollte.

Beispiel für dieses Paradox: Die Erlaubnis für Moscheebauten wird nur sehr bedingt erteilt. Deshalb ziehen sich die Muslime zurück und bauen „Hinterhofmoscheen“, die dann als Zeichen einer Parallelgesellschaft gedeutet werden.

Es wäre ein Fehler, einen Teil der Gesellschaft auszuschließen und somit wichtige Ressourcen und Potentiale zu verschwenden. Daher ist ein wichtiger Paradigmenwechsel nötig, um eine gesunde und positive Zukunft für die Jugend bereitzustellen. Erst wenn wir verstehen, dass z.B. nicht das, was auf dem Kopf ist zählt, sondern das, was im Kopf ist, werden wir eine friedliche Basis für unsere Gesellschaft erreichen können.

Weiterhin muss gewährleistet werden, dass jedes Individuum, gleich welcher Weltanschauung, Religion, Kultur, Ethnie oder Ideologie, wegen dieser nicht benachteiligt oder ausgeschlossen wird. Gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Verstehen sind hier Notgüter, auf die nicht verzichtet werden darf.

Auch dürfen die Unterschiedlichkeiten nicht hervorgehoben werden, sondern die Gemeinsamkeiten. Die Unterschiedlichkeiten, die es gibt, müssen produktiv und effektiv in der Wirtschaft und Politik umgesetzt werden. Dass dies klappt, zeigt uns die Sportwelt.

Es muss akzeptiert werden, dass Kriminalität, Terrorismus oder ähnliche negativen Aspekte weder ethnisch oder religiös bedingt sind. Dass jemand kriminell ist, klaut oder viel lügt, liegt nicht an den Genen, sondern an der falschen Sozialisation. Daher darf keine Gruppe mit billigen Klischees beschuldigt werden.

Die größte Aufgabe wird hier gewiss den Politikern und den Medien teil, die in der Lage sind eine Umgestaltung in der Gesellschaft zu verwirklichen.

Solange aber kein gleicher und gerechter Zugang zu gesellschaftlichen Gütern, wie z.B. die Bildung, gewährleistet wird und Chancen vorenthalten werden, wird diese Umgestaltungen nicht erreicht werden.

Cemil Sahinöz

Publiziert in: Ayasofya, Nr.25, 2008, S.22-23

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