Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch?

Laut Said Nursi ist der Mensch die höchste und vielseitigste Frucht dieses kosmischen Baumes. Der Mensch ist die letzte und komprimierte Frucht am Baum des Universums. Ursamen (Kern) des Universums unter dem Gesichtspunkt der Erschaffung des Kosmos. Er ist der würdevollste Gast im Kosmospalast. Der Herrscher und gleichzeitig fleißigster Beamte im Universumspalast. Beauftragter auf dem Garten und auf dem Ackerfeld des Stadtteils Erde in der Universumsstadt, die für die Einnahmen und Ausgaben und für das Einsäen und die Verpflanzung zuständig ist. Der verantwortlichster und lautester Beauftragter, der mit Hunderten von Wissenschaften und mit Tausenden von Handwerk- und Kunstarten ausgestattet ist. Er ist ein Inspekteur im Reich des Kosmos und in Länderei der Erde unter einer sehr genauen Kontrolle des Sultans der Vorewigkeit und Nachewigkeit. Er ist Statthalter Gottes auf Erden, seine winzigste und größte Tat wird festgehalten (Said Nursi, 2002, S.56-57).

Aber der Mensch besteht nicht nur aus Fleisch und Blut. Es ist nicht nur die Materie, die einen Menschen ausmacht. Angst, Liebe, Neugier, Gedanken können nicht mit Materie erklärt werden. Hierbei spielt die Seele eine wichtige Rolle. Sie wird allen Lebewesen zugeordnet. Das heißt, wer „lebt“, hat auch eine Seele.

Die Seele ist keine Materie. Sie ist auch nicht erfassbar. Sie ist unsterblich und ewig; ist eins und kann nicht in Teile zerlegt werden. Die Seele ist umgeben vom Körper. Sie ist es, die mit Hilfe der Hand halten, mit dem Fuß gehen und mit dem Auge sehen kann. Ohne die Seele wären wir nur ein Fleischhaufen, dass nicht einmal aufrecht stehen könnte. Solange die Seele „im“ Körper ist, ist sie von diesem abhängig. Ihre Fähigkeiten sind mit dem Körper begrenzt, z.B. kann sie mit dem Auge nicht durch Wände sehen (Endnote 1). Somit ist der Tod eine „Befreiung“ für die Seele. Er befreit sie vom Gefängnis. Von diesem Zeitpunkt an, kann sie ohne Auge sehen, ohne Hände fassen, ohne Füße gehen usw. Bis zum Jüngsten Gericht wartet die Seele körperlos, dann wird ihr wieder ein Körper verliehen, doch diesmal ohne Begrenzungen.

Man kann die Seele auch als ein Gesetz Gottes ansehen. Wir können folgendes Gleichnis machen: Der Körper ist ein Vogelkäfig und die Seele ist der Vogel im Käfig.

Aus diesem Beispiel können wir ableiten:

· Der Körper (Käfig) ist für die Seele (Vogel) da. Nicht umgekehrt.

· Auch wenn man den Käfig anmalt, verschönert sich dabei nicht der Vogel. Das heißt, auch wenn wir einen völlig gesunden Körper haben, muss dies zwangsläufig nicht auch für unsere Seele bedeuten.

· Wenn wir den Käfig vergrößern, vergrößert sich nicht der Vogel automatisch mit.

· Der Vogel schaut aus dem Käfig raus. Es ist nicht der Käfig, der hinausguckt. Das Auge ist nur ein Sinnesorgan, durch das die Seele die Welt wie durch ein Fenster betrachtet.

· Wer keinen Vogel besitzt, der braucht auch keinen Käfig. Nach dem Tode wird der Körper sofort begraben. Das heißt der Körper wird erst durch die Seele lebendig und steht aufrecht. Der Körper braucht die Seele.

· Den Vogel gab es auch schon vor dem Käfig.

Als der Schöpfer den Mensch erschuf, verlieh Er ihm den höchsten Wert und gab ihm eine recht umfangreiche Veranlagung mit. Wir können sagen, dass das Universum ein Baum ist, dessen Frucht der Mensch ist. Wenn aber der Mensch auf sein Ego vertraut, nur im weltlichen Leben sein Ideal sieht, sich nur um seinen Unterhalt sorgt und nur für einige vergängliche Vergnügungen arbeitet, wird er in einem sehr engen Lebenskreis untergehen. Darum ist er in eine Stätte der Prüfung geworfen, wo er vom Geringsten aller Geringen zum Höchsten aller Hohen, von der Erde bis zum Himmel, von dem Atom bis zur Sonne der Reihe nach die Stufen empor zu klimmen oder hinunterzustürzen vermag.

Der Schlüssel der Welt liegt in den Händen des Menschen und ist an seine Seele angeheftet. Der Schöpfer hat dem Menschen als Vertrauenspfand einen solchen Schlüssel gegeben, womit er alle Tore der Welt öffnet. Derjenige, der sein Wesen in dieser Weise kennt und von ihm überzeugt ist und sich dementsprechend verhält, erreicht die wahre Seligkeit. Er geht mit dem Vertrauenspfand richtig um. Wenn aber das Ego den Sinn seiner Erschaffung vergisst, seine eigentliche Aufgabe aufgibt, seinen Sinn in sich selbst gefunden zu haben glaubt und sich selbst für den Eigentümer hält, dann verrät es somit das ihm von Gott anvertraute Pfand.

In seinem Werk Isaratü´l-I´caz (2000, S.29-30) sagt Nursi, dass im Menschen drei Kräfte existieren. Um die menschliche Verantwortung in der Schöpfung verstehen zu können, bedarf es einer Analyse dieser Kräfte. Diese Kräfte sollen uns klar machen, wie die menschliche Verantwortung mit diesen Kräften in einer direkten Wechselbeziehung steht. Diese Kräfte kann man wie folgt klassifizieren:

· Erstens: Die Kraft der tierischen Begierden zur Erlangung und Ermöglichung der Nutznießung.

· Zweitens: Die Kraft der Macht (des Herrschens), um den Schaden abzuwehren.

· Drittens: Die Kraft des Verstandes, um Nutzen und Schaden, das Gute und das Böse zu unterscheiden.

Da aber diesen Kräften zwar durch die Religion eine Grenze gesetzt ist, von Natur aus aber keine Grenze existiert, werden diese Kräfte jeweils in drei Rubriken eingeteilt:

a) Zuwenig (unter dem Maß)

b) Das Maß

c) Das Übermaß

Um diese Rubriken genauer zu erläutern, nehmen wir nun als Beispiel die erste Kraft. Diese Kraft ist für die Erlangung der nützlichen Dinge da. Wenn diese Kraft bei einem Menschen unter dem Maß ist, dann hat er weder den Willen zum Erlaubten noch zum Unerlaubten. Das Übermaß dieser Kraft ist der schrankenlose Wille zu seiner Befriedigung. Hier werden die Rechte der Mitmenschen unter den Füßen getreten. Der Mensch wird zum Sklaven seiner eigenen Begierden und verliert das Mitleid zu den Mitmenschen. Als Folge würde er seine eigene Würde und die Würde der anderen Menschen verletzen und zerstören. Wenn die Kraft der Begierde die Mitte und das sittliche Maß verliert, wird der Mensch beim Übermaß zu einem armseligen Lüstling und beim Untermaß zu Jemandem ohne jegliche Begierde. Wenn aber diese Kraft bei einem Menschen nicht existieren würde, dann wäre er in diesem Falle eine Art lebendiger Toter.

Die zweite Kraft: Das Zuwenig dieser Kraft bewirkt, dass der Mensch vor alles und allem Angst hat. Er wird zu einem Feigling, dass sich vor allem fürchtet. Sogar die kleinsten Sachen und Phantasien bringen diesen Menschen durcheinander. Durch das Übermaß dieser Kraft hat der Mensch vor nichts Angst. Er fürchtet sich vor keiner Strafe und scheut sich vor nichts zurück. Gerechtigkeit wird unter den Füssen getreten. Dieses Übermaß führt zur Ausbeutung und Terrorisierung anderer Menschen. Auch hier ist die Mitte von außerordentlicher Wichtigkeit. Sie macht den Menschen zu einem Wesen, dass stets mäßig handelt. Er hat Angst davor, andere Menschen zu verletzen, doch gleichzeitig sucht er mutig sein Recht, wenn er ungerecht behandelt wird.

Bei der dritten Kraft sieht das folgendermaßen aus: Ein Zuwenig dieser Kraft ist die Dummheit und man wird nichts erfassen. So kann man auch die einfachsten Dinge nicht verstehen. Die Überschreitung dieser Kraft bewirkt, dass der Mensch einen Verstand hat, der Unwahrheit als wahr und das Wahre als Unwahrheit zeigen kann. Auch in diesem Punkt ist der gerade Weg die weise Handlung.

Nämlich, das Wahre als wahr anzunehmen und folglich die Unwahrheit als unwahr, und davon Abstand zu nehmen. Dies ist die größte Rechtleitung. Nursi vertritt die Meinung, dass, wenn das Mittelmaß dieser Kraft überschritten und irre geleitet wird, der Mensch seine Beziehungen zum Glauben verliert und sein ewiges Glück zerstört. Wenn die Intelligenzkraft den weisen und einfachen Mittelweg verlässt, wird der Mensch durch die Stufen des Über- und Untermaßes entweder in eine sehr schädliche Gaunerei oder in eine unheilvolle Dummheit verfallen.

Diese Stufen sind Wege, die der Mensch bei manchen Entscheidungen anwendet und die für ihn hilfreich sind. Mit der unteren Stufe wird er in eine menschenverachtende, abscheuliche, qualvolle Angst verfallen. Als Lebendiger wird er eine Art Toter sein. Da er die Rechtleitung verloren hat, wird er als Strafe seiner Fehler permanent Qual erleiden müssen. Dies ist die wahre Quelle der Depression.

Der Mensch soll den Mittelweg dieser Kräfte, die Zusammenfassung und Verschmelzung der wahren Tapferkeit der Vernunft, der Würde, der weisen Handlung, der Weisheit, der Gerechtigkeit, also den rechten Weg als Lebensmaßstab annehmen. Denn der rechte Weg ist für die menschlichen Charaktereigenschaften und für die gesamte Gesellschaft der beste, der nützlichste, der kürzeste und der friedvollste Pfad.

So ein Mensch handelt nach diesem Prinzip: Da, wo die Freiheit des Anderen beginnt, hört meine Freiheit auf. Dieser Schnittpunkt ist die gegenseitige Akzeptanz, die Toleranz. In allen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens ist das Maß der nützlichste, kürzeste und einfachste Weg für ein friedliches Zusammenleben. Wenn der Mensch vom rechten Weg abkommt und in die Irre geht, wird er in einen schädlichen Zustand verfallen.

Wenn wir nun versuchen wollen, zu verstehen, wer wir sind, müssen wir uns noch einmal die Reise des Menschen anschauen, doch diesmal unter Berücksichtigung der Seele und der drei Kräfte.

Cemil Sahinöz

Literatur:

· Nursi Said: Isaratü´l-I´caz. Yeni Asya: Istanbul, 2000

· Nursi Said: Stab Mosis. Vfjh e.V. Druck: Köln, 2002

(1) Im Schlaf oder in den Gedanken des Menschen ist die Seele weder an Raum noch an Zeit gebunden. Daher kommt es öfters vor, dass wir etwas erleben, was wir im Schlaf schon einmal geträumt haben. Wir sagen uns dann: „Es ist so, als ob ich genau diesen Augenblick schon einmal erlebt hätte.“ Im Traum kann es vorkommen, dass einzelne Bilder aus der Zukunft gesehen werden.

Dieses Kapitel ist aus dem Buch: „Wer Bist Du? Die Reise des Menschen“ von Cemil Sahinöz

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