Innermuslimischer Dialog in Deutschland

Innermuslimischer Dialog in Deutschland

„Wenn die Ungebildeten nicht reden würden,
würde es in der islamischen Welt keine Fitna und keine Streitigkeiten geben“
Imam Safi

Der Islam ist eine Universität. Die verschiedenen Jama´ats (islamischen Gruppen) sind die Fakultäten dieser Universität. Damit die Universität sich stärkt, müssen die Fakultäten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Wenn sich die Fakultäten gegeneinander ausspielen oder sich gar bekriegen, schwächt dies die ganze Universität. Jede einzelne Jama´at repräsentiert eine verschiedene Fakultät mit unterschiedlichen Spezifikationen. Eine Jama´at repräsentiert die Fakultät der Soziologie, eine andere die der Psychologie. Eine andere wiederum hat sich in der Politikwissenschaft spezialisiert. Für jede Fakultät steht eine Jama´at. Jede dieser Jama´ats muss sich in der eigenen Fakultät spezialisieren und nicht in die der anderen eingreifen. Dies würde zu Zwietracht und Streit führen.

Was die Studenten angeht… jeder Muslim sollte sich seine Jama´at selbst aussuchen. Je nach dem, welche Stärken man in sich selbst sieht, sollte man sich in einer der Fakultäten einschreiben. Dabei ist es ganz wichtig, dass die anderen Fakultäten nicht nach eingeschriebenen Studenten Ausschau halten, um diese für sich zu gewinnen. Eine innermuslimische Missionierung ist unmoralisch.

Dass es verschiedene Jama´ats gibt, also verschiedene Fakultäten, ist kein Unglück, sondern ein Segen, aus dem man positives Nutzen ziehen muss.

Denn wie die einzelnen Körperteile im Körper eines Menschen verschiedene Aufgaben haben, haben die unterschiedlichen Jama´ats unterschiedliche Aufgaben. Wenn jeder die Arbeit der Hände machen würde, würde der Körper nicht funktionieren. Erst wenn alle Teile sich auf ihre eigene Arbeit beschränken, bleibt der Gesamtkörper, der Islam, in Takt. So müssen sich also die Jama´ats arbeitsteilig betrachten und nur im Guten wetteifern. Im Koran heißt es dazu: „Jeder hat eine Richtung, zu der er sich wendet. So eilt zu den guten Dingen um die Wette. Wo immer ihr euch befindet, Gott wird euch alle zusammenbringen. Gott hat Macht zu allen Dingen“ (Der Koran, 2:148) und „Eilt zu einer Vergebung von eurem Herrn um die Wette“ (Der Koran, 57:21).

Auch der Prophet Muhammed (Friede sei mit Ihm) weist mit einem Hadith auf diese Wahrheit hin: „Die Meinungsvielfalt in meiner Gemeinde ist eine Gnade“ (Acluni, 1932, S.66-68; Münavi, 1972, S.210-212). Said Nursi interpretiert diesen Hadith folgendermaßen: „Die Meinungsvielfalt, die im Hadith gemeint ist, ist eine positive. Das heißt, jeder strebt danach, seine Schule zu verbreiten und bekannt zu machen. Er möchte nicht die anderen zerstören oder abschaffen, sondern sie vervollständigen und verbessern. Aber eine negative Meinungsvielfalt, eine triebhafte und feindliche, die darauf abzielt sich gegenseitig zu zerstören, ist aus Sicht des Hadith zurückzuweisen. Denn wer sich gegenseitig schädigt, kann keine positive Bewegung ausüben“ (Nursi, 2004, S.372; 2001, S.259).

Demzufolge ist es wichtig, dass die islamischen Gruppen in Deutschland nicht ständig ihre eigene Gruppe in den Vordergrund stellen. Die kollektive Identität des Islams ist wichtiger. Vor allem müssen die Muslime ihre Gruppenzugehörigkeit als zweitrangig betrachten und zunächst nur “den Islam“ vertreten. Alle Gruppen müssen zusammenkommen und ihre Gruppenzugehörigkeiten vergessen.

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An dieser Stelle folgen nun drei Interviews mit wichtigen Persönlichkeiten aus der muslimischen Gesellschaft in Deutschland. Ahmed Aries, Abu Bakr Rieger, Ammar und Ali Kizilkaya standen uns freundlicherweise als Interviewpartner zur Verfügung. Den Interviewpart des letzteren veröffentlichen wir auf Türkisch. Dass gerade diese Personen zu Worte kommen hat nichts damit zu tun, dass ihre Namen mit dem ersten Buchstaben des Alphabets beginnen, sondern ist das Ergebnis unserer Interviewanfragen. Leider wollten sich die Sprecher der restlichen muslimischen Gruppierungen in Deutschland nicht zu dieser Thematik äußern. Dies zeugt natürlich, dass noch ein weiter Weg in Richtung Einheit gegangen werden muss. Dieser Einheit möchte „Ayasofya“ und die „Akademie für Wissenschaft, Religion und Dialog“ seinen Beitrag leisten.

Ahmed Aries
Lehrbeauftragter an der Universität und ehemaliger Volkshochschuldirektor

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation der Muslime in Deutschland ein?

Mir scheint sich die Situation zu verändern. Während bis vor wenigen Wochen die Verbände im Rahmen der Berliner Islam Konferenz dominierten, haben die beiden Religionsmonitore Espositos „Who speaks in the name of Islam?“ und der Bertelsmann Stiftung die Lage beeinflusst. So waren die Ergebnisse der Esposito Befragung Anlass für eine Aktuelle Stunde im Düsseldorfer Landtag. In diesem Winter scheint es so zu werden, dass man sich als engagierter Muslim an fast jedes Wochenende zwischen mindestens zwei Tagungen entscheiden kann. Und stets sind Muslime unter den Referenten. Die Stammtischredner scheinen in den Hintergrund zu treten. Ärgerlich ist, dass sich am rechten Rand Schlichtestes abspielt wie die Beschmierung von Gräbern in Hamburg. Ärgerlich bleibt die Einstellung zum Kopftuch. Dennoch, die Muslime sind Teil dieser Gesellschaft geworden. Sie werden sich daher an den offenen und kritischen Diskurs dieser Gesellschaft gewöhnen müssen, d.h. unsere Jungen wachsen mit ihm auf.

Sehen Sie es als nötig an, dass die Islamischen Gruppen in Deutschland zu einer Einigkeit finden? Wenn ja, warum?

Die Muslime sind angesichts dieser Gesamtlage in einer guten Position. Es gilt sie inhaltlich auszufüllen. Dazu gehören die juristischen Fragen und eine Antwort auf die föderalen Strukturen. Deutschland ist kein Zentralstaat. Hieran wird man sich anpassen müssen. Die Landesregierungen brauchen sowohl einen politischen Ansprechpartner in ihrem jeweiligen Bundesland als auch einen mit dem sie juristisch zu verhandeln vermögen.

Was tun Sie persönlich, um diese Einigkeit herzustellen?

Als einem einzelnem (deutschem) Muslim bleibt nur das Wort kritischer Begleitung.

Wie sieht die Zukunft der Muslime in Deutschland aus? Können Sie das Jahr 2025 in Deutschland skizzieren?

Die Muslime werden eine normale religiöse Minderheit sein, insaallah. Sie werden sich in diesem Lande engagieren, d.h. nicht mehr in andere Länder reisen, um dort ihren Wehrdienst und Eid abzulegen, sondern Wehr- und Ersatzdienst leisten, als Mitglieder in den hiesigen Berufsverbänden, Gewerkschaften und Parteien; und wird vielleicht auch einen Roten Halbmond einschließlich islamischer Stiftungen geben.

 

Abu Bakr Rieger
IZ-Herausgeber, Publizist, Jurist
Rieger ist Herausgeber der Islamischen Zeitung, Mitbegründer verschiedener muslimischen Initiativen auf europäischer Ebene, Publizist und Buchautor.

Sehen Sie es als nötig an, dass die Islamischen Gruppen in Deutschland zu einer Einigkeit finden? Wenn ja, warum?

Eine Einheit islamischer Gruppen erscheint mir aus zweierlei Gründen wichtig. Zum Einen ist es im Interesse aller Muslime mit der Bundesregierung einen konstruktiven Dialog und Austausch zu organisieren. Zum Anderen wäre eine solche Einheit ein Fortschritt gegenüber der antiquierten Einteilung in ethnische Gruppen. Ich begrüße insoweit die Bildung des KRM oder auch die Islamkonferenz, allerdings fehlt es in beiden Institutionen an einer Vertretung von Frauen, Stiftungen oder deutschen Muslimen.

Was tun Sie persönlich, um diese Einigkeit herzustellen?

Die islamische Zeitung ist bemüht alle Muslime in Deutschland möglichst positiv und zusammenhängend ins Bild zu rücken. Wir unterstützen alle Aktivitäten die die positive Grundhaltung der in Deutschland lebenden Muslime unterstreichen.

Ali K?z?lkaya
Almanya ?slam Konseyi (Islamrat) Ba?kan?

Sizce Almanya´da cemaatlerin bir araya gelebilmeleri önemlimi? Önemliyse, neden önemli? Veya neden önemli de?il?

Almanya´daki cemaatlerin birlikte hareket etmeleri çok önemlidir. Zira birlikten güç do?ar. Yani hakl? taleplerimizi ve hala verilmemi? olan haklar?m?z? daha kolay elde etme imkan? sa?lanm?? olur. Bu sebepten dolay? birlik ve beraberlik çok önemlidir. Hem de ?slam karde?li?i aç?s?ndanda bir ihtiyaç ve gerekliliktir birlik. Bunun için Almanya´da çat? kurulu?lar? olu?turulmu?tur. Bu konudaki çal??malar devam etmektedir. ?lerleme de kat edilmi?tir.

Sizin cemaatiniz birlik ve beraberlik için ne gibi faaliyetlerde bulunuyor?

Almanya ?slam Konseyi (Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland) bu birli?i olu?turmak amac? ile kurulmu?tur. Daha geni? birlik çal??malar?na hem destek verdik hem katk?da bulunduk. ?uanda dört büyük kurulu?tan olu?an Almanya Müslümanlar Koordinasyon (KRM) olu?umunun bir parças?y?z. Ve dört üyeden birisi Almanya ?slam Konseyidir. Bu olu?um içinde di?er kurulu?larla birlikte çal???yoruz.

Ammar
Rapper

Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich in Ihrem vollen Terminkalender die Zeit nehmen, unsere Fragen zu beantworten. Deshalb möchte ich auch schon gleich loslegen. Sehen Sie es als nötig an, dass die Islamischen Gruppen in Deutschland zu einer Einigkeit finden? Wenn ja, warum?

Mein Motto ist es lieber nach Gemeinsamkeiten zu suchen die uns vereinen anstatt über Dinge zu streiten die uns unterscheiden. Einigkeit bringt Frieden und Zusammenhalt, dadurch entsteht Stärke. Gemeinsam sind wir stark und können uns für die wirklich wichtigen Dinge einsetzen. Dinge wie die Jugend, die Zukunft, die Rechte der muslimischen Schwestern, das Recht auf eine islamische Ernährung, das Recht auf islamische Bildung. Wir können uns gemeinsam stark machen gegen die Vorurteile und die Islamhetze die von den Medien betrieben wird. Wir können uns stärker einsetzen für unterdrückte Geschwister weltweit. Es gibt viele Dinge die wichtig sind und uns alle betreffen, letztendlich sind wir Muslime und folgen alle Allah. Er hat uns Muslime durch den Islam zu einer großen Gemeinschaft gemacht egal aus welchem Land wir kommen oder welche Sprache wir sprechen.

Was tun Sie persönlich, um diese Einigkeit herzustellen?

Ich lebe nach meinem eben erwähnten Motto und versuche es auch in meine Lieder zu packen wie zum Beispiel in meinem Song „An meine Ummah“, den man auf meinem neuen Album „Aus dem Schatten ans Licht“ hören kann. Ich spreche in meinen Liedern prinzipiell über Themen die uns alle betreffen. Themen, Probleme und Gedanke die jeden Muslim hier in Deutschland und manchmal vielleicht sogar weltweit beschäftigen. Ich versuche niemandem mein Verständnis vom Islam und meine Sichtweise aufzudrücken. Ich respektiere die Meinung des anderen und halte mich fern von Rechthaberei. Wenn jeder von uns versucht im Kleinen und in seinem Alltag die Meinung des Anderen zu akzeptieren und sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, würde das die Einigkeit im großen sicherlich fördern.

Mit Ihrer Musik erreichen Sie viele muslimische Jugendliche. Welche Message wollen Sie ihren Zuhörern vermitteln?

Was du in deiner Jugend machst hat einen großen Einfluss auf deine Zukunft. Nutze deine Jugend für die guten Dinge. Denke nicht, dass Islam erst im Alter wichtig ist. Denke nicht, „jetzt bin ich jung, mir ist alles egal, ich will nur Spaß haben. Wenn ich älter bin fange ich an mich mit dem Islam zu beschäftigen“, denn dann ist es vielleicht schon zu spät. Islam ist der Weg der Mitte. Muslim zu sein und sich an die Gebote Allahs zu halten heißt nicht, dass man sich vom Leben total distanzieren soll und keinen Spaß oder keine Freude mehr haben darf. Islam belebt das Gute in dir und gibt dir Kraft für die positiven Dinge im Leben. Diese positive Energie sollte man einsetzen um die Gesellschaft in der wir leben zu bereichern. Islam gibt dir Frieden und schreibt dir einen guten Umgang mit deinen Eltern Nachbarn und Mitmenschen vor. Lasst uns Brücken bauen mit unseren Mitmenschen auf das sie die positive Energie und den Frieden in uns spüren.

Cemil Sahinöz

Literatur:

• Acluni ?.b.M.: Ke?fu´l-Hafa. Daru ?hyai´t-turasi´l-Arabi. Band 1. k.A.: Beirut, 1932
• Der Koran. Übersetzung von: Khoury Adel Theodor. Unter Mitwirkung von Abdullah Muhammed Salim. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh, 1987
• Münavi: Feyzü´l-Kadir. Band 1. k.A.: Beirut, 1972
• Nursi S.: Die Briefe. Sözler: Istanbul, 2004
• Nursi S.: Mektubat. Yeni Asya: Istanbul, 2001

Publiziert in: Ayasofya, Nr.26, 2009, S.22-25

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