Auswirkungen des 11. September auf die Muslime

Auswirkungen des 11. September auf die Muslime

 

Nichts sollte so sein, wie es vor dem 11. September war. Hätten die Muslime in Deutschland und der Welt bereits damals gewusst, was durch die schrecklichen Ereignisse des  11. September 2001 in den kommenden Jahren auf sie zukommt, sie hätten sich gewünscht, in einer anderen Zeit zu leben. Zunächst einmal herrschte eine Art Schock. Muslime wie Nicht-Muslime wurden durch großformatige Bilder in Zeitungen und Fernsehen überschwemmt. Die ununterbrochene Berichterstattung, Eilmeldungen in Sekundenabständen, Kommentare von Journalisten, „Experten“ und Politikern zu begreifen, zu verdauen und zu verarbeiten war nicht einfach: Es war wie ein Medientsunami, das auf einen angerollt kommt und im Begriff ist, alles bisher Dagewesene zu überschwemmen. Als dann George W. Bush – gerade bei einem Schulbesuch – mit Kindern vor die Kamera trat und in einem und demselben Atemzug von „Al Qaida“, „islamistischem Terror“ sowie einem „Kreuzzug“ sprach, konnte noch nicht einmal erahnt werden, was diese Begriffe miteinander zu tun haben sollten und wie sich die Welt nach diesem Tag – auch und insbesondere für die Muslime – ändern würde.  Was danach unter dem Begriffspaar „war on terror“ geschah, ist bezeichnend und hat gravierende Veränderungen mit sich geführt. Bezeichnend für diese fragile Politik war die Rede Colin Powells, des damaligen Außenministers in der Bush-Regierung, der aufgrund angeblich vorhandener „mobiler  Massenvernichtungswaffen“ in den Händen des Diktators Saddam Hussains, einen Einmarsch in den Irak forderte. Powell bezeichnete 2005 diesen denkwürdigen Auftritt vor dem Weltsicherheitsrat als „Schandfleck“ seiner Karriere, weil bekannt wurde, dass es diese „Atomwaffen“ überhaupt nicht gab. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 mussten sich neben den USA auch ihre Verbündeten, u.a. auch Deutschland entscheiden, ob sie diesem Krieg beitreten sollen. In Deutschland herrschte eine rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder, die ebenso wie Frankreich und Russland nicht gewillt waren, bei einer Invasion des Irak teilzunehmen. Dies wiederum provozierte US-Verteidigungsminister Donald Rumpsfeld dazu, abfällig vom „alten Europa“ zu sprechen und die Kriegsgegner zu ermahnen. Durch einen nicht vom Völkerrecht legitimierten „Präventivkrieg“, was in diesem Fall als Euphemismus für einen „Angriffskrieg“ diente, wurde im März des Jahres 2003 der Irak angegriffen und der ehemalige Verbündete Saddam Hussein gestürzt. Die Allianz unter der Führung der USA, die mit dem Anspruch in den Irak marschierte, Demokratie und Freiheit einzuführen, stürzte das Land in einen heute noch andauernden Bürgerkrieg. Ähnliche Schwierigkeiten herrschen in Afghanistan, wo immer noch Chaos herrscht und die USA im Moment gezwungen sind, mit den Taliban zu verhandeln.

 

Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus und des Sowjetimperiums prägt ein neuer „Ost-West-Konflikt“ die Agenda. Die Welt wurde erneut in eine bipolare Zone aufgeteilt. Es galt sich zu entscheiden, auf welcher Seite man seinen Platz nehmen wollte: Freiheit oder Totalitarismus? Gut oder böse?

 

Zahlreiche Wissenschaftler, nicht nur aus dem Bereich der Internationalen Beziehungen und Geo-Strategen wiesen schon in den 90ern darauf hin, dass im neuen Jahrtausend eine „New-World-Order“ und „Greater-Middle-East-Strategie“ der USA zur Sicherung der Energieressourcen für die nächsten Jahrhunderte nötig sei. Der Politstratege und langjährige Berater für die US-Außenpolitik, Samuel P. Huntington veröffentlichte bereits 1993 in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen Artikel, in dem er seine These des „Kampfs der Kulturen („clash of civilizations“)“ heraufbeschwor. Auf diese Thesen bezogen sich später immer mehr Autoren und Islamkritiker. So veröffentlichte die 2006 verstorbene italienische Journalistin Oriana Fallaci direkt nach den Anschlägen vom 11.September 2001 ein Werk mit dem Titel „Die Wut und der Stolz“. Die Autorin wirft dort den westlichen Regierungen vor, durch ihre naive und zu nachsichtige Politik der Beschwichtigung („Appeasement“) dem Islamismus den Weg bereitet zu haben. Parallel zu Huntington, der eine Gefahr in der demographischen Entwicklung der lateinamerikanischen Einwanderer für die nationale Identität der USA sieht, warnt Fallaci vor den sich vermehrenden Muslimen in Europa, die das Abendland angeblich „unterwandern“ wollten. Sie seien nicht nur eine physische, sondern auch eine Gefahr auf geistig-kulturellem Terrain. So wie Huntington vor einem „Amexiko“ warnt, tut Fallaci dies vor „Eurabien“.  Ihre kollektive Zuschreibungen an die Muslime, dass sie „aggressiv“, „expansiv“ , „rückwärtsgewandt“, „unvernünftig“, „demokratie- und frauenfeindlich“ seien, lassen einen latenten Rassismus erkennen, der sich seit dem immer mehr in der Mitte der Gesellschaft etabliert und wiederfindet. Dies spiegelt sich auch in immer mehr empirischen Untersuchungen – auch in Deutschland – wider: So wird die Studie „Mitte in der Krise“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) nicht ohne Grund von Fachleuten als „Alarmsignal“ gedeutet, da rechtsextreme- und antidemokratische Einstellungen überraschend stark in der Mitte der deutschen Gesellschaft ausgeprägt sind. Wenn knapp 60 Prozent der Deutschen den Muslimen verbieten wollen, ihre Religion voll auszuüben und jeder Zehnte sich einen „Führer“ wünscht „der Deutschland mit starker Hand regiert“, dann befinden sich die demokratischen Werte in unserem Land in ernsthafter Gefahr.

 

Seit dem 11. September 2001 gibt es aber auch verstärkte Integrationsbemühungen – sowohl auf Seiten der Muslime wie auch der staatlichen Institutionen. So gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Behörden und muslimischen Akteuren. Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) unter der Regie des Innenministeriums, der Integrationsgipfel unter Leitung der Bundesbeauftragten für Migration und Integration, ein sog. „Nationaler Integrationsplan“ und verschiedenste Zusammenkünfte, „runde Tische“ und Initiativen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene verdeutlichen, die gesellschaftlich-politische Relevanz der Integration der Muslime nach dem 11.September. Auch wenn das Ziel eines „Dialogs auf Augenhöhe“ manchmal durch einen „Monolog auf Augenhöhe“ ersetzt wird, geht der Weg in die richtige Richtung: Die Einführung des islamischen Religionsunterrichts als bekenntnisorientiertes und ordentliches Schulfach, die Einführung von islamisch-theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten sowie die Ausbildung von Imamen und islamischen Gelehrten in Deutschland, unter der Aufsicht des deutschen Staates, können als wichtige Reaktion auf die Debatte nach dem 11.September angesehen werden. Zumindest haben die Debatten, die durch den 11.September ausgelöst wurden, diese gesellschaftlich-politischen Erneuerungen beschleunigt. Somit kann im Hinblick auf die Integration der Muslime in Deutschland auch von einer Katalysatorfunktion gesprochen werden.

 

Es gibt aber auch negative Auswirkungen für die Muslime: Das Thema „Islam“ wird nach dem 11.September stark politisiert und ideologisch diskutiert. Die muslimischen Einwanderer und ihre Religion werden, wie erwähnt, oft als Gegenpol zur christlichen oder deutschen Mehrheitsbevölkerung gestellt. Es geht um simple „Freund-Feind-Denkmuster“, um „Wir“ und „Ihr“, wobei der Versuch unternommen wird, durch die Abwertung des „Anderen“ das „Eigene“ zu stärken. Darin verdeutlicht sich auch ein eigenes Identitätsproblem der Mehrheitsbevölkerung. Durch die Ab- und Ausgrenzung des „Anderen“ wird eine eigene „deutsche Identität“ geschaffen und gestärkt.

 

In Deutschland und Europa hat ein Wandel in der Wahrnehmung von Minderheiten stattgefunden: Vor dem 11.September wurden Einwanderer eher mit ethnische Zuschreibungen wie „Türke“, „Marrokaner“, „Indonesier“ oder „Albaner“ behaftet. Heute spricht die Mehrheitsbevölkerung öfter von „Muslimen“, anstatt von „Türken“. Die Muslime werden somit auf ihre Religion reduziert.

 

Überdies wird der Ge- und Missbrauch des Themas Integration und Islam seit dem 11.September zu Wahlkampfzwecken immer stärker von Parteien und Eliten betrieben. Eine Clique von Pseudowissenschaftlern, die sich die „Islamkritik“ zu ihrer Hauptaufgabe gemacht haben, werden von immer mehr rechtspopulistischen Parteien und Internetseiten hofiert. Die Hauptdarsteller dieser „Industrie“ bewegen sich im Terrain der „Islamophobie“ und „Islamfeindlichkeit“, des „Antimuslimischen Rassismus“ und der „Muslimfeindlichkeit“ bis hin zum „Islamhass“.

 

Auch wenn die „charismatischen Führer“ von rechtspopulistischen Parteien wie Pim Fortyn (†), Jörg Haider (†) oder Geert Wilders es nicht schaffen, an die Macht zu kommen bzw. dauerhaft an der Macht zu bleiben, so ist es doch unverkennbar, dass das Phänomen der rechtspopulistischen Parteien nicht von kurzer Dauer ist. In immer mehr europäischen Staaten schaffen es diese Gruppierungen, Wahlerfolge zu feiern, ins Parlament zu gelangen oder gar mitzuregieren (Dänemark, Niederlande, Belgien, Norwegen, Österreich, Schweiz). Die Möglichkeit, dass ein ebenso „charismatischer“ Parteiführer auch bei uns in Deutschland knapp 20 Prozent der Wählerstimmen bekommen könnte, verdeutlicht, dass auch Deutschland nicht vor dieser Gefahr sicher ist. Nach dem 11. September haben sich zudem die sog. „Leitkulturdebatten“, Kopftuch- und Burkadebatten, Themen wie „Zwangsheiraten“, „Ehrenmorde“, „Frauenunterdrückung“, „Gewalt und Machogehabe“ „Terror“, sowie Diskussionen um „Moschee- und Minarettbauten“ verstärkt. Angriffe auf Moscheen wie Brandsätze, Schmierereien oder Sachbeschädigungen nehmen zu. Fast täglich gibt es Berichte über gelungene, im Verhältnis dazu aber mehr über gescheiterte Integration, in den Medien. Fast jährlich gibt es Sicherheits- und Integrationsdebatten, die sich über Wochen, ja Monate hinziehen und so Themen immer wiederkäuend darstellen. Auch auf dem Arbeitsmarkt nehmen Diskriminierungen aufgrund der Religion (vgl. Studie von Mario Peuker: Diskriminierung aufgrund der islamischen Religionszugehörigkeit im Kontext Arbeitsleben) immer weiter zu. Nicht zuletzt hat der 11. September auch dazu geführt, dass bestimmte liberale Freiheitsrechte revidiert wurden: Was mit den Sicherheitspaketen I + II von dem damaligen Innenminister Otto Schily begann, wurde heute mit der Verlängerung der damaligen Befugnisse für die Nachrichtendienste, um Auskünfte über Terrorverdächtige bei Banken, Post oder Fluggesellschaften einzuholen, verlängert. Die Vorratsdatenspeicherung dagegen wurde aufgrund von verfassungsrechtlichen Bedenken durch das Bundesverfassungsgericht begrenzt. Die Abschaffung des Religionsprivilegs im Vereinsrecht führte dazu, dass Vereinigungen, deren Zweck und Tätigkeit gegen Strafgesetzte verstoßen oder sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richten, verboten werden können. Viele Muslime beklagen sich durch die öffentliche Wahrnehmung und der Debatten nach dem 11. September unter Generalverdacht gestellt zu werden. Ob dabei Konferenzen wie der kürzlich einberufene „Präventionsgipfel“ etwas ändern werden, bleibt fraglich. Eine Zukunftsfrage, das sich für die Muslime in Deutschland stellt, ist die nach der Anerkennung des Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Der Zusammenschluss der vier großen muslimischen Verbände unter dem Dach des Koordinationsrates der Muslime (KRM) war eine Reaktion auf die Forderung des Staates, nur mit einem einzigen Ansprechpartner verhandeln zu wollen. Bedauerlicherweise werfen die Behörden dem KRM vor, sie vertrete lediglich 20 Prozent der Muslime und könne daher nicht für die Mehrheit dieser sprechen. Die Welt hat sich nach dem 11. September gewandelt. Auch und gerade für die Muslime in Deutschland. Einen „Kampf der Kulturen und Zivilisationen“ wird es zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen aber niemals geben. Ganz im Gegenteil: Unsere vorrangige Aufgabe für das 21. Jahrhundert ist eine „Allianz der Kulturen und Zivilisationen“, mit dem Ziel, Kulturen und Gesellschaften zu verschmelzen, um kulturelle, religiöse und soziale Hürden abzubauen, so dass Extremismus und Intoleranz keine Chance mehr bekommt.

 

Yasin Ba?

Yasin.Bas@gmx.de

Publiziert in der Ayasofya 37, 2011

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