Verantworteter Rückblick

Verantworteter Rückblick

Als Rüstem Ülker und ich vor fast zwanzig Jahren darüber nachdachten, wie man den Diskurs über das Risale-i Nur (Werke des Islamgelehrten Said Nursi) befördern könnte, da entstand die Idee einer Seminarreihe, die wir an einer Universität implantieren wollten. Der Gedanke entsprach den tradierten akademischen Vorgaben und erwies sich für den angestrebten Dialog als Sackgasse.

Zwar gelang es renommierte Gelehrte und Professoren zu gewinnen, doch die Zuhörerschaft der Symposien entsprach nur beim ersten Mal ungefähr der Zielgruppe. Die Mehrheit bildeten die schlichten Mitglieder der verschiedenen Medresen, denen der akademische Diskurs fremd war. Die deutsche Fachpresse reagierte nicht einmal.

Inzwischen sind fast zwei Jahrzehnte vergangen, in denen sich der Dialogkontext nicht nur gewandelt hat, sondern zugleich durch eine Vielzahl von Veranstaltern und Veranstaltungen ausdifferenzierte. Hinzu kamen Abschlussarbeiten der verschiedensten Fachdisziplinen an Hochschulen sowie Promotionen und Habilitationen sowie die unterschiedlichsten Lehrstühle an wenigen Universitäten. Nicht zu vergessen, dass die unterschiedlichsten Verlage am Buchmarkt mit „islamischen“ Titeln miteinander konkurrierten und konkurrieren. Allerdings wandten sich einzelne AutorInnen Said Nursi und seinem Werk zu: so die Professoren Ina Wunn und Christoph Elsas, Frau Dr. Gerdien Jonker, Herr Dr. Cemil Sahinöz, ohne dass ihre Arbeiten auf ein größeres Echo stießen. Die Fachwelt nahm sie schlicht zur Kenntnis.

Jedem der Referenten der vier Bonner Symposien wurden nach ihren Beiträgen mehrere Exemplare des Risale-i Nur überreicht, ohne dass irgendwelche Publikationen folgten oder in den Vorlesungsverzeichnissen ihren Niederschlag fanden. Dem entsprachen die Verkaufszahlen der vier Symposienbände. Sie blieben im einstelligen Bereich. Daher kann man im Rückblick nicht nur von Sackgassen des Dialoges sprechen, vielmehr von der Irrelevanz unserer Bemühungen.

Dialog mit wem?

Mit Betroffenheit mussten wir feststellen, dass nur im ersten Symposion etwa ein Dutzend deutsche Teilnehmer unter den Hörern waren, die allerdings wie auch die Mehrheit der anwesenden Muslime so gut wie keine Fragen stellten. Der angestrebte Dialog spielte sich auf dem Podium ab, während man im Auditorium zuhörte. Nur wenn einer der aus der Türkei angereisten ulema über Said Nursi sprach, reagierte das Publikum. Mit Recht fragte in einer Pause einer der Referenten, wen wir mit den Symposien ansprechen wollten. Wenn man mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre die Frage beantworten wollte, dann ließe sich nur sagen, dass alle am Dialog mit Muslimen Interessierte gemeint waren. Eine solch breite Ansprache gelingt heute nur noch bedingt den Boulevardzeitungen; denn die Dialogszene hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in kaum überschaubarer Weise ausdifferenziert, deren Kommunikation untereinander unbeabsichtigt höchst beschränkt ist. Die einzelnen Fragestellungen sind im Niveau, den Themen, Blickwinkeln sowie den inzwischen entwickelten Fachsprachen (zu) verschieden. So gibt es eine akademisch religionswissenschaftliche Dialogszene, eine politologische und historische, eine anthropologische sowie kulturwissenschaftliche, um nur einige zu nennen.

Parallel dazu bauten die Akademien der Kirchen, Parteien und Verbände ungezielt eine Dialogszene auf, die im Wesentlichen an ihren eigenen Zielgruppen orientiert war und ist. Ihre Referenten sind sowohl Fachleute aus den unterschiedlichsten Kontexten als auch Laien, die sich als qualifiziert erwiesen haben z.B. durch längere Aufenthalte in islamischen Kontexten.

Unabhängig von einander bauten die beiden Großkirchen in Deutschland ein eigenes Netzwerk auf, auf dessen unterer Ebene die Dialogbeauftragten bzw. -referenten in den Gemeinden tätig waren. Sie waren über ein entsprechendes Studium der Theologie oder Sozialwissenschaft legitimiert. Dem hatten die muslimischen Moschee-Vereine oder Medresen der Jama´at un-Nur kaum etwas entgegen zu setzen. Zudem wandten sich die kirchlichen Fachleute nicht nur an bekennende Muslime, sondern auch an jene, die dem Islam, z.B. den islamischen Zusammenschlüssen, skeptisch gegenüber standen und stehen. Man konnte als Außenstehender den Eindruck gewinnen, sie folgerten von den Entwicklungen in den je eigenen Kirchen z.B. dem Entstehen der sogenannten „Kirche von unten“ auf die innerislamische Entwicklung – in der Minderheit in Deutschland. Diese Haltung entsprach der grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit. Die Mehrheit der in der Bundesrepublik lebenden Muslime gingen auf Distanz dazu, weshalb sie von der säkularen Mehrheit als konservativ bezeichnet wurden bzw. werden. Die Stillen im Lande gleich den Orden und der Jama´at un-Nur wurden daher nicht beachtet.

Unabhängig von den in Deutschland sich weiter entwickelnden Dialogen entstand eine fast anti-dialogische Landschaft, in der nicht allein säkular orientierte deutsche Bürger sich engagierten, vielmehr ebenso aus der Türkei exilierte bzw. de facto ausgewanderte Persönlichkeiten, die ihren heimischen Kampf gegen „den“ Islam im Gepäck mitgebracht hatten, den sie mit ihrer im heimischen Konflikt entstandenen Sprache weiterführten. Dabei übertrugen und übertragen die Sprecher ihre Begriffe, Ausdrücke und Analogien mit Hilfe von Lexika ins Deutsche, ohne zu bedenken, dass die Stimmigkeit ihrer Aussagen in der anderen Sprache nicht besteht. Sie meldeten und melden sich immer wieder zu Worte, wenn ihnen die innerislamische Entwicklung in der deutschen islamischen Minderheit nicht zusagte, was durchaus heftig werden konnte, und manches Mal zu politischen, medialen Reaktionen führte und führt. In den Medien schrieb und sprach man undifferenziert von „dem“  Islam.

Welche Themen?

Hinzu kam, dass auf Grund der politischen Gesamtentwicklung die Themen des religiösen Dialoges in das Visier der psychologischen Kriegsführung unterschiedlichster Kräfte gerieten. Da interessierten die innerislamischen Bestrebungen überhaupt nicht, was an den Fehleinschätzungen der Fetullah Gülen Bewegung deutlich zu sehen war. Zudem setzten die kritischen Persönlichkeiten und Vereinigungen eigene Themen bzw. standen den Dialog-Veranstaltern und den Medien zur Verfügung, wodurch sozial-politische Fragestellungen Erkenntnis leitend wurden. Parallel dazu entstand ein „Katalog“ von religiösen Standardfragen, die sich über die Jahre nicht veränderten, mit der Folge, dass die so genannten Diskussionsrunden des Dialoges zu Ritualen wurden.

Allgemein verschwanden religiöse Thema aus der Öffentlichkeit und wurden zu Themen der Feuilletons. Es wurde üblich von der Säkularität der Zivilgesellschaft zu sprechen, was islamische Denker in der umma kaum thematisierten, und mit Atheismus gleich gesetzt wurde.

Verschattungen

Ein verantworteter Rückblick auf die Entwicklung „des“ Dialoges in der deutschen Gesellschaft sollte auch das thematisieren, was bisher nicht in die Gespräche aufgenommen wurde. Das waren und sind nicht nur politische Tabu-Themen wie der bis 1989 bestehende Konflikt der Weltanschauungen, sondern ebenso Traumata: der europäische Bildungsimperialismus in islamischen Kulturen und der Holocaust in Deutschland, die häufige Weigerung der Muslime über theologische, d.h. Kalam Fragen, zu diskutieren und die Zurückhaltung bei den West-Europäern, die Schattenseiten der Aufklärung zu thematisieren. Die Liste europäischer Fehlentscheidungen ließe sich bequem verlängern. Dazu gehört die Geschichte des allein aus machtpolitischen Gründen zerlegten osmanischen Reiches. Solche Fragestellungen werden von wenigen Forschern angesprochen, ohne dass irgendwo ein breiterer Diskurs entstünde. Der Umstand, dass manche heute aktive innerislamische (Reform)Bewegungen in der Auseinandersetzung jener Zeit entstanden, wird nur selten aufgegriffen und wenn, dann von Standpunkt der als dominant betrachteten europäischen Stellung der Gegenwart. So ergäben sich die Fragen, welche Nachteile die europäischen „Fortschritte“ in anderen z.B. den muslimischen Kulturen hatten und haben oder welche wissenschaftlichen Forschungen das Bild „des“ Islam in Europa veränderten. Dazu gehört der im akademischen Bereich etablierte Begriff des „Orientalismus“. Die von seinen Autoren aufgeworfene Problematik der Sprache und ihrer Kontext gebundenen Entwicklung wurde durch Emily Apters Hypothese der Unübersetzbarkeit vertieft.

Im Bewusstsein dieser sprachlichen Problematik gründete die Eugen-Bieser-Stiftung einen Arbeitskreis aus Wissenschaftlern deutscher und türkischer Universitäten, die ein Lexikon der „Grundbegriffe aus Christentum und Islam“ erarbeiteten. Die folgerichtige Frage ist, in welcher Weise die Übersetzungen der Schriften Said Nursis und anderer Gelehrter erneut gelesen werden sollten. Das Lexikon ist auf jeden Fall eine Herausforderung für kommende Gespräche.

Der Entwurf einer möglichen Zukunft

Konnte man Anfang Zweitausend von einer mehr oder weniger in sich geschlossenen Dialogszene zwischen der Mehrheit und der Minderheit in Deutschland sprechen bzw. schreiben, wie es die Medien taten, so muss heute jeder Beobachter der westeuropäischen Situation den Plural gebrauchen: Dialogszenen. In vorsichtiger Weise lassen sich mindestens folgende Bereiche unterscheiden:

  • eine populäre an den innergesellschaftspolitischen Entwicklungen (Deutschlands) orientierte Gruppe von Veranstaltern wie den Einrichtungen der Erwachsenenbildung der Verbände und Parteien;
  • eine akademische in universitären Diskursen sich entwickelnde Landschaft, in denen Fragestellungen thematisiert werden, die zu bearbeiten dringend geboten ist, aber die die so genannte Basis kaum berühren;
  • eine mediale Welt, in der Fachleute aller Qualifikationen über „den“ Islam schreiben oder reden, die jedoch als Redner bzw. Buchautoren größere Gruppen erreichen, als es die Zeitungen bzw. Zeitschriften tun, für die sie schreiben; unabhängig von dieser Szene haben sich islamische Medien entwickelt, wozu nicht nur die verbandsinternen Publikationen gehören, sondern ebenso die regelmäßig erscheinende „Islamische Zeitung“ und „Ayasofya“;
  • eine eher kleine Gruppe von Veranstaltern gleich einzelnen kirchlichen Akademien, Institutionen wie dem Hannoverschen „Haus der Religionen“ oder dem von Professor Lähnemann gegründeten Nürnberger Forum, hinter denen einzelne engagierte akademische ausgebildete Persönlichkeiten stehen. Eine gewisse Sonderstellung nimmt die römisch-katholische Akademie der Diözese Stuttgart-Rottenburg ein. All diese Entwicklungen führten zur Professionalisierung, die von den Kirchenleitungen bzw. vom Vatikan bewusst gewollt wurden.

Die Jama´at un-Nur lässt sich kaum in diese Dialogszenen einordnen. Der Dialog mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft blieb ein Hobby einzelner, die sich mit den gesellschaftspolitischen Problemen z.B. der rechtlichen Anerkennung „des Islam“ auseinandersetzten, die hier indirekt angesprochenen Kalam bzw. theologischen Herausforderungen wurden allein im weitesten Sinne politisch interpretiert. Dies betrifft auch die deutsche Entwicklung der Saecularität, deren juristische Aspekte stets als diskriminierend betrachtet wurden und in den Gemeinden werden.

Ein weiterer Ansatz ?

In all den zurückliegenden Jahren blieb der letztliche Misserfolg der Bonner Symposien für manchen in der Jama´at un-Nur eine offene Wunde, die man durch die verschiedensten Bemühungen zu heilen versuchte. So engagierten sich örtliche Medresen um Gespräche mit den Menschen und Vereinen ihrer Lebenswelt. Fehlende Ressourcen verhinderten geradezu jegliche Professionalisierung, zudem kam es bis auf wenige Ausnahmen nicht zu der notwendigen (fach)sprachlichen Kompetenz.

Wenn man die zuvor geschilderte Entwicklung zusammenfasst, dann scheinen einige wenige Faktoren die Entwicklung beeinflusst zu haben:

  1. Die ständige Ausdifferenzierung des Themas „Islam“.
  2. Der Gegensatz zwischen „Frommen“ und den ihre Haltung Negierenden.
  3. Die Betonung von Integration einerseits und Anpassung andererseits, was meist mit dem Begriff „Toleranz“ beschrieben wird.
  4. Die geringe Bereitschaft sprachlich die Wirklichkeit des jeweils anderen respektierend aufzunehmen.

Wolf D. Ahmed Aries

Ayasofya Nr. 61

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