Der Tod: Freund oder Feind ?

Der Tod: Freund oder Feind ?

Die exegetische Auslegung des Todes nach Nursi

(Dieser Aufsatz belegte beim Ayasofya-Aufsatz-Wettbewerb den 2. Platz)

Das Leben im 21. Jahrhundert ist geschmückt mit hohen Standards, Globalisierung, Konsum, Aufstieg, Innovation, Perfektionismus und absoluter Freiheit der eigenen Entfaltung sowie grenzenlose Erreichbarkeit durch die unendliche Welt des Internets.

All diese Ablenkungen und Ziele sorgen für die Annahme des ewigen Lebens im Diesseits. Heute lebt der Mensch mit der tagtäglichen Verdrängung des Todes. Der Tod ist nicht präsent. Der Tod ist weit weg. Der Tod ist Außerhalb. Der Tod ist versteckt hinter Mauern. Der Tod befindet sich außerhalb der Zivilisation, da wo man so viel wie möglich nichts davon mitbekommt.

Doch ist der Tod tatsächlich so negativ? Soll man vor dem Tod weglaufen? Ist über den Tod zu klagen?

Die pessimistische Ansicht zum Tod lässt sich auch in der Poesie widerspiegeln und nimmt die Stelle des hoffnungslosen Höhepunkts jedes Dramas ein.

Durch den Alltag eingenommen, neigt auch der religiöse Mensch dazu, Angst, Ablehnung und Furcht über den Tod zu empfinden. Die heutige Zeit bietet genug Alternativen, welche zu einer Gottesvergessenheit führt. Gott zu vergessen bedeutet, auch den Zweck der Schöpfung zu vergessen und den Tod als Resultat des Übergangs zum ewigen Dasein nicht als Natürlichkeit annehmen zu können.

Neben all der negativen Distanz zum Tod ist die positive Ansicht des Gelehrten Bediuzzaman Said Nursi eine Art Licht im Finsternis. Diese Ansicht entspringt nicht nur aus der persönlichen Meinung des Gelehrten, sondern ist die Jenseitsvorstellung des Islams. Somit gilt der positive Blick zum Tod als Selbstverständlichkeit für jeden gläubigen Muslim.

Nursi exegiert zum Tod: „Hier ist eine gute Nachricht für euch! Der Tod ist nicht Zerstörung, Nichts oder Vernichtung. Der Tod ist nicht das Ende oder ein Auslöschen. Der Tod ist nicht ewige Trennung, das Nichtsein oder ein Zufall. Der Tod ist kein Vergehen, das niemand veranlasst. Vielmehr ist der Tod eine Entlassung, veranlasst durch den Göttlichen Urheber, der weise und barmherzig ist. Der Tod ist ein Wechsel der Wohnstätte. Der Tod ist eine Reise zum ewigen Segen, zu deiner wahren Heimat. Der Tod ist die Tür der Ankunft, wo du neunundneunzig deiner Freunde im Zwischenreich triffst“ (Nursi, Said: Die Briefe, Istanbul, 2004, S. 316).

Das islamische Weltbild sieht die Erde, auf der die Menschen leben, als eine Art „Ort der Vergänglichkeit und Zwischenwelt zur Glaubensausübung“. So lebt der Mensch für eine Weile auf der Welt und zieht nach einer gewissen vorgeschriebenen Zeit weiter in eine andere Welt. Dieser Umzug wird nach Nursi als „Wechsel“ bezeichnet und der Tod resultiert bei dieser Definition als Brücke und Übergangsmittel zum Ziel des ewigen Lebens. Bestätigend dazu ein weiteres Zitat: „Für die Leute des Glaubens ist das Grab ein Tor zu einer anderen Welt, die noch schöner ist als diese Welt“ (Nursi, Said: Wegweiser für die Jugend, Istanbul, 2007, S. 16).

Mit dem Tod wird der Mensch von seinen Verpflichtungen befreit. Dementsprechend ist das bewusste Leben mit der Einhaltung von Regelungen, sowie der damit verbundenen Befreiung durch den Tod, als Zielsetzung zu verstehen: „Der Tod ist eine Entlassung aus den Pflichten des Lebens; der Tod ist Ruhe, ein Wechsel des Ortes, ein Wandel des Seins. Der Tod ist eine Einladung zum ewigen Leben, er ist ein Beginn, ist eine Vorstufe zum ewigen Leben“ (Nursi, Said: Die Briefe, Istanbul, 2004, S. 36).

So sehr die Erde mit dem Segen Allahs ausgestattet ist und viele Genüsse und Schönheiten für den Menschen, als das ehrenvollste Wesen, erschaffen wurden, ist es zugleich ein Ort der Vergänglichkeit und Verpflichtungen. Dazu schreibt Nursi auch: „Der Tod bedeutet die Befreiung aus dem engen, unerquicklichen, hektischen und ruhelosen Gefängnis des Diesseits und ein Eintreten in ein ewiges Leben im weiten, freudvollen und ungestörten Reich der Gnade des ewig Geliebten“ (Nursi, Said: Die Briefe, Istanbul, 2004, S. 37).

Genüsse sind in Maßen zu genießen und dienen hauptsächlich dem Zweck Allah zu erkennen und ihn kennenzulernen. Seine Namen manifestieren sich in seiner Schöpfung und sollen vom Gläubigen erfasst werden. Sollte dieser Zweck nicht erfüllt werden, so gleicht das Leben auf der Erde eher einer nutzlosen Entwicklung des Menschen: „Und so, ihr Unglücklichen, die ihr süchtig seid nach den Genüssen des Lebens dieser Welt, und die ihr Angst habt vor der Zukunft, kämpft um Zukunft und Leben zu sichern“ (Nursi, Said: Die Worte, Istanbul, 2002, S. 196).

Aus den Ausführungen Nursi ist zu verstehen, dass der Tod aus islamischer Sicht zum normalen Verlauf der Lebenszeit der Schöpfung gehört. Des Weiteren darf der Tod nicht als das Ende verstanden werden, da man dadurch die eschatologische Vorstellung des Islam in Frage stellen würde. Der Koran gibt als Quelle vor, dass der Tod den Weg ins Jenseits ebnet. In dem Werk „Die Lichtblitze“ schreibt Nursi auch: „Zunächst betrachtete ich das Angesicht des Todes, der als höchst schreckliche Sache erscheint und jedermann erschreckt. Durch das Licht des Koran sah ich folgendes: zwar ist der Schleier des Todes schwarz, düster und hässlich, aber für den Gläubigen ist sein wahres Gesicht leuchtend und schön“ (Nursi, Said: Die Lichtblitze, Istanbul, 2007, S. 275).

Die aufgeführten kurzen Zitate sollten einen kleinen Einblick in die Werke Nursi zum Thema Tod verschaffen. Ziel ist die Vermittlung der positiven und selbstverständlichen Befürwortung des Todes. Der Mensch soll den Tod nicht verdrängen, ihn willkommen heißen und auf ihn vorbereitet sein. Auch die Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen, soll nicht mit Ablehnung und Wut auf den Tod ausgelebt werden. All die Segen, die der Tod mit sich bringt, sollten mit vollem Bewusstsein angenommen werden. Die Befreiung von schweren Krankheiten, die Erlösung vom schweren Alterungsprozess mit Abhängigkeit, und die Entbindung von jeglichen Verpflichtungen (Nursi, Said: Die Briefe, Istanbul, 2004, S. 37) gehören ebenfalls zu den vielen Gnaden Allahs.

Efdal-Nur Tugrul

Publiziert in Ayasofya Nr. 63

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