CHRISTLICHE SÄKULARITÄT

CHRISTLICHE SÄKULARITÄT

Die Annahme, dass die gegenwärtige europäische
Lebensweise der Trennung von Kirche und Gesellschaft
bzw. Politik, ein Modell für alle Kulturen sein könnte, ist
entweder illusionär oder eine spätkoloniale Arroganz, denn
nur Christen haben im Laufe ihrer Geistesgeschichte eine
Institution gleich der Kirche mit ihrem Heilsanspruch ausgebildet.
Hingegen haben die Gemeinschaften der Juden und
die der Muslime eine große Zahl mehr oder weniger einflussreicher
Gelehrter in ihrer Mitte lehren hören. Hinzu kommt,
dass zahlreiche Gemeinschaften, denen die europäische
Forschung die Bezeichnung ´Religion´ zuschrieb, den Begriff
eines ´Gottes´ nicht kennen. Was gälte es also zu trennen?
Der Blick auf das gegenwärtige Verhalten in den westeuropäischen
Gesellschaften zeigt eine sehr eigene Situation. In den
historischen Kirchen sieht man vor allem in Urlaubszeiten mehr
Touristen als Betende; und die vorösterlichen Prozessionen

sind für den angereisten Touristen zu Veranstaltungen der
lokalen Folklore geworden, von denen man die Fotos zu
Hause den Freunden als Attraktion zeigt, ohne dass jemand
auf die Idee käme über Religion oder gar Gläubigkeit zu
sprechen. Es wird höchstens erwähnt, dass dieser „Umzug“
seit Jahrhunderten stattfindet, d.h. aus den Zeiten der
Vormoderne stammt, d.h. die Säkularisation hat im Laufe der
Jahrhunderte nicht nur zu einer Trennung von Kirche und
Staat geführt, sondern im alltäglichen Leben der Gesellschaft
auch zu einer Verdrängung der Kirche(n) und der Gläubigkeit.
In diesem Kontext unterrichten Religionslehrer in den
Schulen nicht mehr vor allem das, was Gläubigkeit in der
Gegenwart ist, vielmehr Ethik, Verantwortung für die Umwelt
bzw. die Unterdrückten der Welt etc.; zudem scheint das
Schulgebet so gut wie verschwunden zu sein. So wirkte
die Frage eines muslimischen Schülers, wo er denn im
Ramadan beten könne, wie eine Provokation, die manche

Schulleitung schriftlich und juristisch abgesichert und damit
korrekt beantwortete: Die Schule sei eine Veranstaltung des
säkularen Staates. Ein Gebet wäre eine private Äußerung des
Einzelnen und gehöre nicht in den öffentlichen Raum der
Schule. Anders formuliert: Die Säkularität beschränkt die von
der Verfassung garantierte Religions- bzw. Glaubensfreiheit?
Nein? Das Stoßgebet eines christlichen Schülers vor einer
Klausur wird von niemandem gesehen oder gehört. Das Gebet
eines Moslems jedoch ist nicht zu übersehen; und so stört es
den säkularen Alltag, wo immer es vollzogen wird. Manche
Zeitgenossen ärgern sich regelrecht, weil sie an etwas erinnert
werden, was ihrer Ansicht nach in den Papierkorb der
Geschichte gehört. Schließlich haben Vernunft und (europäische)
Aufklärung in die Moderne geführt, die demonstriere,
dass man auch ohne die Annahme eines Gottes gut
vorankomme. Das Geläut der Kirchenglocken hat sich daher
an die Vorschriften des Emissionsgesetzes zu halten. Da der
islamische Gebetsruf, den ein Gläubiger mit seiner ihm gegebenen
Stimme ruft, nicht in der gleichen Weise steuerbar ist,
hat er seinen Platz im Gebäude, was keine Einschränkung
der Religionsfreiheit bedeutet, sondern die Umsetzung der
von einer parlamentarischen Mehrheit beschlossene Regel
ist. Muslime sind eben eine Minderheit, die in der demokratischen
Mehrheitsgesellschaft nicht mehrheitsfähig sind,
was manche Bürger dieser westeuropäischen Gesellschaften
nicht angetastet sehen wollen.
Auch wenn der Blick in die Geschichte die Grenzen solcher
Haltung überaus deutlich zeigt. Die Mehrheit der muslimischen
Gläubigen kümmert sich nicht um derartige
Zusammenhänge. Sie haben sich längst mehr oder weniger
an ihre säkulare Umgebung angepasst, indem sie ihre
Rückzugeräume in den Medresen und Moschee mit eigenen
Mitteln aufbauten und bei Glaubensschwierigkeiten
die Gelehrten fragen. Sie tun das, was gläubige Juden seit
Jahrhunderten taten und tun: Der angefragte Rabbi erstellt
eine Respons, der Alim eine Fatwa. Und es sind seit Jahren
abertausende Anfragen, mit denen das Glaubensleben in der
christlichen Säkularität bewältigt wird, ohne dass die gesellschaftliche
Integration bzw. die Anpassung der Minderheit
problematisiert wird. So verlief das diesjährige Opferfest
völlig unbemerkt von der Mehrheit in traditioneller Weise
ab. Nur hier und da gab es Aufrufe, die den Bauern empfahlen,
den Muslimen in diesen Tagen keine Schafe zu verkaufen,
was jedoch zu keinerlei Schwierigkeiten führte. Viele
Familien fahren zu den Verwandten in islamische Länder,
während andere einen islamischen Schlachter bemühen.
Und die Väter gehen mit ihren Söhnen zum Gebet, was nur
den Anwohner einer Moschee auffällt, weil so viel Kinder
auftauchen. Ansonsten fällt es niemandem auf. Insofern hat
die letzte Bertelsmann Studie recht: Die Muslime sind in der
christlichen Säkularität angekommen. Sie haben ihren Platz

in der Arbeitswelt gefunden und ihre Gläubigkeit wurde
für Sozialarbeiter als Interkulturalität säkularisiert. Und in
der Öffentlichkeit der Straße bzw. Verkehrsmittel deuten
nur noch Kippa und Kopftuch auf die „Religion“ eines
Verkehrsteilnehmers. Das Kreuz an einer Halskette tut dies
nicht, denn wenn man zufällig einmal nachfragt, dann ist es
ein Schmuckgegenstand, dessen religiöser Aspekt irritiert.
Ebenso sehen viele nicht mehr die christlichen Elemente in
ihrer städtischen Umgebung. So war eine kleine Gruppe von
Berlinern bei einem geführten sight seeing Programm völlig
erstaunt wie viele bauliche und andere Details in ihrem Viertel
auf Christliches verweisen. Da fallen nur noch Moscheen auf,
die jedoch der Umgebung weitgehend zumindest bei der
Gebäudehöhe angepasst werden.
Wenn man die Säkularität in den Staaten Westeuropas miteinander
vergleicht, dann stellt man mit Erstaunen fest, dass die
Mehrheiten in jedem Staat ihre Trennung von Kirche(n) und
Glaubensgemeinschaften von Staat und aktueller Politik auf
andere Weise entwickelten. Die so entstandenen juristischen
Gegensätze wurden bisher in keinem der bi- bzw. multilateralen
Verträge zu einem Kompromiss geführt. In Amsterdam
stellten die Diplomaten nur fest, dass es nicht ginge. Die
Konsequenz war und ist, dass die islamischen Minderheiten
in den unterschiedlichen Staaten sich unterschiedlich entwickelten,
d.h. im Rahmen der juristischen Vorgaben. Das Ziel
der Verantwortlichen war und ist, den gesellschaftlichen
Frieden zu erhalten, zu den auch wir Muslime unabhängig
von den Schreihälsen verpflichtet sind. Allein Gott weiß es
besser.

Wolf Ahmed Aries

Ayasofya Nr. 58

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