Maulana Jalaluddin Rumi und Shams Tabrizi

Maulana Jalaluddin Rumi und Shams Tabrizi

Erwähnt man Rumi, so erinnert man sich an Shams. Und redet man über Shams, erwähnt man im selben Atemzug Rumi. Tatsache ist, dass es ohne Shams keinen Rumi und ohne Rumi keinen Shams geben würde.

 

Maulana Jalaluddin Rumi war bereits in seinem ersten Lebensabschnitt ein Mensch mit vorzüglichem Benehmen und Charakter, der viel Wissen hatte und seine Gottesdienste mit Hingabe verrichtete. Schon zu dieser Zeit wurde er vom Volk als eine große Persönlichkeit geschätzt. Doch Allah wollte, dass er sich anhand der Führung von Shams auf die Ebene der Tiefe und Spiritualität begibt.

 

Der Lehrer von Shams Tabrizi fragte seine Schüler “In Rûm (zu dieser Zeit wurde Anatolien im islamischen Raum, bezogen auf das Byzantinische Reich, als R?m (‘(Ost-) Rom’) bezeichnet) lebt jemand, der Jalaluddin heißt und dessen Leitung erwünscht ist, wer von euch möchte diese Aufgabe auf sich nehmen?” Ohne ein Wort zu sagen legte Shams seine rechte Hand tugendhaft und in tiefster Demut auf sein Herz und neigte seinen Kopf zu seinem Herzen, als würde er sagen ‘mit meinem Haupte gebe ich mich der Aufgabe hin’. Sein Lehrer sprach daraufhin zu ihm “Du hast es verstanden, in dieser Sache musst du dein Haupt dafür hergeben”.

 

Die erste Begegnung zwischen Rumi und Shams

 

Nachdem Shams erfuhr, dass Rumi in Syrien lehrt, reiste er dorthin. Zu diesem Zeitpunkt hatte Rumi sein Studium in der Hadithwissenschaft vollendet. Sein Lehrer versicherte ihm “Es gibt nichts mehr, was du in der Hadithwissenschaft noch lernen könntest”. Als Rumi auf der Straße lief, kreuzte Shams plötzlich seinen Weg, sagte “Meinst du alles zu wissen? So sag mir nun, wer bin ich?” und ging wieder davon. Rumi antwortete überrascht “Ich kann nur das wissen, was mir gelehrt wird. Woher soll ich wissen, wer du bist?” Während Shams von ihm abgewandt immer weiter in die Ferne lief, erteilte er Rumi bereits die erste Lektion und erwiderte “Wenn du dich in die Welt der Tiefe und Spiritualität begibst, wirst du alles wissen.”

 

Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen. Rumi war in Konya und Shams entschied sich, ebenfalls nach Konya zu gehen und seine spirituelle Leitung in die Tat umzusetzen. Er befragte Leute, die ihn kennen danach, was er gern habe. Als er erfuhr, dass ihm Menschen mit sauberer und vornehmer Kleidung gefielen, zog er sich die ältesten, zerrissenen Lumpen an, die er hatte, staubte sich mit etwas Erde ein und begab sich auf die Straßen von Konya. Da islamische Disziplinen in dieser Region gängig waren, begann niemand eine verwehrte Tat, die Menschen verrichteten ihre Gottesdienste und zahlten ihre Almosensteuer ‘Zakat’. Dass trotz alldem kein Hauch von Tiefe und Spiritualität zu sehen war, machte Shams traurig. In diesem Moment ging eine alte Frau mit etwas Leber in der Hand an ihm vorbei und betrat eine Bäckerei. Sie fragte den Mann, ob er ihr Fleisch in dem bereits brennenden Ofen als Wohltat mitbraten könne. Der Mann entgegnete, er könne dies nicht umsonst tun und verlangte nach einem Entgelt, das die alte Frau jedoch nicht hatte, denn auch das Fleisch wurde ihr als Almosen gegeben. Als sie dann traurig die Bäckerei verließ, wurde Shams, der Zeuge des Geschehens war, noch trauriger als die Frau es war. So nahm er das Fleisch an sich, hielt es an sein Herz und röstete es von beiden Seiten in dem Feuer seines Herzen, das aus Liebe zu Allah brannte. Daraufhin vernahm man einen übersinnlich wohlriechenden Duft, der die ganze Stadt umfasste und ihre Atmosphäre in eine allmählich spirituellere verwandelte.

 

Die Liebenden vereinen sich

 

Am nächsten Tag wartete Shams mit seinen eingestaubten Lumpen in der Straße, in die Rumi immer abbog, um nach Hause zu gelangen. Als sie aufeinander trafen, hielt er Rumis Pferd am Halfter fest und fragte “Nun sag, ist Bayazid Bistami größer oder der Prophet?” Solch eine Frage konnte kein einfacher Mensch stellen. Rumi war empört und antwortete “Bayazid Bistami ist ein Gelehrter im Islam, doch wie kannst du ihn mit dem Propheten vergleichen?” und stieg von seinem Pferd. Shams antwortete: “Ich weiß doch auch, wie groß unser Prophet ist, doch geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf. Unser Prophet (Friede und Segen seien mit ihm) sagte “Mein Schöpfer, ich habe Dich nicht erkannt, wie Du es in Wahrheit verdient hättest’. Bayazid Bistami hingegen sagte ‘Bin ich nicht der Herr?’. Während unser Prophet ‘Ich habe Allah nicht erkannt’ sagt, spricht Bistami ‘Ich bin Allah’, wie kommt es dazu?” Weil die Frage schwer war, musste Rumi einen Moment lang überlegen. Diese Zeit nutze Shams dazu, um tief in ihn hinein zu blicken und die Antwort ihm ins Herz zu legen. Denn sein Ziel war nicht, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, sondern Rumi mit seinen tiefen Blicken spirituell zu leiten. Dann antwortete Rumi “Das Gefäß des Propheten ähnelt einem Ozean, alle Gewässer fließen ins Meer und dennoch füllt es sich nie. Weder läuft das Meer über, noch schwindet es. Das Gefäß des Bistami war im Vergleich zu dem des Propheten sehr eng, es ähnelte einem See. Wenn in einen See zu viel Wasser gelangt, dann wird dieser voll und steigt über. Bayazid Bistami füllte sich, lief über und verlor sich letztendlich.” Auf diese Antwort hin kam in Shams ein Zustand der Trance auf, so dass er aus sich heraus laut ‘Allah’ rief. Alsdann wurde auch Rumi von einem Zustand ergriffen, der in ihm das Gefühl der höchsten Liebe ‘Ashq’ entfachte. Er warf sich vor Shams’ Füße und bat ihn darum, dies ihm zu lehren. Shams entgegnete, er könne dies nicht an Ort und Stelle tun, woraufhin Rumi ihn zu sich nach Hause einlud. Trotz dass Shams bedenken hatte und sagte “Du wirst meine Strapazen nicht aushalten können”, beharrte Rumi darauf und entgegnete “Ich werde mein Möglichstes tun”.

 

Als sie zu Hause ankamen und Shams ein Zimmer sah, das bis zur Tür mit Büchern beladen war, verlangte er einer Überlieferung nach von Rumi, dass er die Bücher in den hauseigenen Gartenteich werfe. Ohne zu zögern trug dieser sogleich all seine Bücher zu dem Teich und warf sie nacheinander hinein, bis ein letztes übrig blieb. Mit dem Wissen, wie kostbar dieses Buch für ihn doch sei, warf er selbst dieses nach kurzem Zögern in den Teich, aber war dennoch traurig darüber. Shams bemerkte seinen Gemütszustand und fragte ihn, worüber er nachdenke. “Das letzte Buch, das ich hinein warf, überließ mir einst mein Vater und war sehr wichtig für mich. Darin waren Inhalte, die ich nicht im Gedächtnis habe” antwortete Rumi. Daraufhin nahm Shams einen langen Stock und rührte damit den Teich voller Bücher um und bat Rumi darum, ihm ein Zeichen zu geben, sobald er das besagte Buch sichtet. Nach einer Weile war das Buch an der Wasseroberfläche zu sehen und er gab ein Zeichen. So sprach Shams “Bismillah”, nahm das Buch aus dem Teich und überreichte es Rumi. Als dieser das Buch öffnete, war er verwundert, denn obwohl es für lange Zeit im Wasser lag, war keine einzige seiner Seiten nass und es rieselte gar etwas Staub heraus. Mit Staunen fragte er “Wie kann das sein, das Buch war stundenlang im Wasser, es ist weder nass noch beschädigt?!” Shams antwortete “Ich versuche dir dies zu lehren, doch du hast nur Augen und Ohren für dein Buch”. So warf Rumi das Buch freiwillig in den Teich zurück und ließ sich von nun an von Shams leiten.

 

War es notwendig, sich von den Büchern zu trennen?

 

Damals war dieses Vorgehen für die Menschen natürlich äußerst ungewohnt. Vielleicht wird es auch heute jene geben, die diese Angelegenheit nicht ganz begreifen können. Doch eins ist sicher: Rumi hing sehr an den Büchern, die er letztendlich ins Wasser warf. Was er auch sah, hörte und fühlte, hätte er mit dem Wissen aus den Büchern verglichen. Das Wissen aus den Büchern ist jedoch offenbares Wissen. Offenbares und Verborgenes, also spirituelles Wissen sind gegensätzlich. Zwischen Allah und Seinem Geschöpf gibt es solche Ereignisse, die den Menschen in Verwunderung bringen und sich in keiner Zeile eines Buchs erklären lassen. So wie das Buch, das Stunden später staubtrocken aus dem Wasser gefischt wurde, gibt es etliche Zustände und Begebenheiten, die man mit Verstand und Logik nicht dechiffrieren kann. Shams wusste darum ganz genau und hat Rumi die Bücher u.a. deshalb in den Teich werfen lassen. Er hatte nun Rumis ganze Aufmerksamkeit auf sich. In dem Ereignis sind sicherlich wichtige Lehren verborgen.

 

Nicht nur Rumi, auch Yunus Emre, Ibrahim Ethem, Uways al-Qarani und andere Tausende haben nach einer Weile ihre Beziehung zu offenbarem Wissen beendet und haben ihre Erkenntnisse aus der Ebene der Verborgenheit und Spiritualität gewonnen. Hätte Rumi nicht das offenbare Wissen verlassen und sich Shams hingegeben, dann würde nicht Jahrhunderte später immer noch von ihm die Rede sein. Auch heute ist die Angelegenheit dieselbe. Es ist wichtig, nicht an offenbarem Wissen hängen zu bleiben. Wie auch damals, ist das verborgene, spirituelle Wissen heute ebenso von besonderer Bedeutung. Wie viel können wir alleine und nur anhand von Büchern lernen? Tiefe und Spiritualität können wir damit allein nicht erreichen. Um diese zu erreichen, lernt man von jemandem, der die Ebene der Tiefe und Spiritualität erfasst hat und gibt sich diesem hin. Dazu gehören gesegnete Gottesfreunde, so genannte Awliya, die den spirituellen Weg weisen.

 

Was Shams Rumi alles lehrte

 

In der Geschichte des Sufismus haben sich viele gesegnete Gottesfreunde gegenseitig mit diesem Licht erhellt. Wie sie dies in die Tat umgesetzt haben, wissen wir aber nicht. Die Ereignisse zwischen Rumi und Shams jedoch fanden offenkundig und vor den Augen anderer statt. Shams wollte Rumi zu einer wahren Dienerschaft gegenüber Gott weisen, denn wahre Dienerschaft heißt, alle Bedingungen des niederen Egos aus dem Herzen zu räumen und es dafür zu nutzen, um Allah zu kennen. Eine Tages fragte man Rumi “Seit Shams fort ist, bist du in einem kümmerlichen Zustand. Du ruinierst dich selbst. Bevor er kam warst du jedoch ein perfekter Muslim, du warst Gelehrter, Lehrer und Leiter der theologischen Akademie. Hat dir dein Lehrer in Syrien nicht einst gesagt, du hättest nichts mehr zu lernen? Was hast du denn von Shams gelernt, dass du in solch einem kümmerlichen Zustand bist?” Rumi antwortete wie folgt: “Ja, du hast recht. Bevor Shams kam, konnte ich mich aufwärmen, wenn ich fror. Nach Shams kann ich mich nicht mehr wärmen. Denn er hat mir eins gelehrt: ’Wenn auf der Welt auch nur ein Gottergebener (‘Mu’min’) friert, hast du kein Recht darauf, dich zu wärmen.’ Nun weiß ich, auf der Welt gibt es frierende Gottergebene. Aus dem Grund kann ich mich nicht mehr wärmen. Als ich früher hungrig war, aß ich eine Tasse Suppe und wurde satt. Heute jedoch empfinde ich an keiner Nahrung der Welt Genuss, denn ich weiß, es gibt hungernde Gottergebene. Diese Dinge lehrte mir Shams.” Jene Moral, die Shams lehrte, ist die Moral des Propheten Muhammed selbst (Friede und Segen seien mit ihm). Seine Lehren können wir nicht durch bloßes Lesen begreifen, denn diese sind weitaus fein und überragend.

 

Die Trennung von Shams

 

Als Rumi und Shams eines Nachts zusammen saßen und sich unterhielten, klopfte es lautstark an der Tür. Eine Horde von Menschen schrie “Shaaaams, komm heraus!” Als ob Rumi das Schicksal erahnte flehte er Shams an “Geh nicht hinaus”. Shams schaute ihn voller Weisheit an und lächelte “Hab keine Angst. Die Zeit ist gekommen, um mein Versprechen zu erfüllen”. Er ging zur Tür. Rumi hielt ihn an den Händen und fragte in großer Aufregung “Was für ein Versprechen, wohin gehst du, weshalb?” Und Shams offenbarte das Geheimnis, das er jahrelang hütete “In Syrien flehte ich Allah um einen Spiegel, in dem ich meine Liebe betrachten kann. Er gab mir dich, in dir habe ich sie betrachtet”. Rumi sprach “Das ist doch erfreulich, dann machen wir das so weiter”. Doch Shams unterbrach ihn und sprach weiter “Und Allah fragte mich damals, was opferst du dafür, dass ich dir diesen Spiegel gebe? Und ohne zu zögern sagte ich ‘Mein Haupt würde ich dafür hergeben’”. Shams ging hinaus. Man konnte nur hören, wie er “Allah” schrie. Im Licht des Mondes konnte man auf dem Boden nur einige Tropfen Blut ersehen, aber es waren weder sein Körper, noch seine Mörder zu sehen. Ihre Liebe wurde zu einem Geheimnis. Jene, die Rumi für sich einnahmen und ihn mit niemandem teilen wollten, ermordeten Shams.

 

Da hatte der Lehrer von Shams seine Schüler doch eines Tages gefragt “In Rûm lebt jemand, der Jalaluddin heißt und dessen Leitung erwünscht ist, wer von euch möchte diese Aufgabe auf sich nehmen?” Und ohne ein Wort zu sagen legte Shams seine rechte Hand sittsam und demütig auf sein Herz und neigte seinen Kopf zu seinem Herzen, als würde er sagen “mit meinem Haupte gebe ich mich der Aufgabe hin”. Und was entgegnete sein Lehrer daraufhin? “Du hast es verstanden, in dieser Sache musst du dein Haupt dafür hergeben.”

 

Möge der Schöpfer uns ermöglichen, diese großen Persönlichkeiten zu verstehen. Mögen wir uns auch wie sie, mit der Moral und Ethik des Propheten schmücken. Möge Allah mit beiden zufrieden sein und uns ihre Fürsprache zuteil kommen lassen. Al-Fatiha.

 

“Sucht unsere Ruhestätten nicht unter der Erde, denn diese befinden sich in den Herzen der wahrhaftig Wissenden.”

 

 

„Viele Menschen sah ich, auf deren Leibern kaum Kleider waren.

Und viele Kleider sah ich, in denen keine Menschen waren.“

 

(Maulana Jalaluddin Rumi)

 

Arif A??rba?

arif.agirbas@hotmail.de

Publiziert in der Ayasofya 40, 2012

 

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