Islamischer Umweltschutz . . . . ?

Islamischer Umweltschutz . . . . ?

Als Lidwina Meyer, Fachreferentin für den Dialog, vor Monaten erzählte, sie plane eine Tagung „Wie grün ist der Islam?“, da antwortete ich, ich hätte mindestens einen halben Meter Papiere und Bücher dazu gesammelt, ohne jedoch irgendeinen dieser Kongressbände bzw. Grundsatzpapiere herunterzuholen, denn sie standen ganz oben in der Bibliothek, meiner Papiersammlung. Erst die Loccumer Tagung im November 2010 machte mir bewusst, dass ich einen bedeutenden Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses als Muslim schlicht verdrängt hatte. Die Fragen der Anerkennung, der Lehrstühle, des Religionsunterrichtes etc. schienen mir viel wichtiger, als ausgerechnet der Umweltschutz; und zudem, wer in unserer Minderheit kümmert sich schon darum? Es bedurfte dieser Tagung in Loccum und der dort engagiert diskutierenden Muslime, um mir bewusst zu machen, dass wir als Minderheit zwar um die Anerkennung ringen, aber von den akuten Sorgen wie z.B. dem Erhalt unserer von Gott, dem Erhabenen, uns anvertrauten Mitschöpfung kaum etwas zur Kenntnis nehmen. Partizipation, von der wir ständig einfordernd reden, bedeutet jedoch, dass wir uns an den Auseinandersetzungen um die Zukunft dieser unserer Gesellschaft als mitverantwortliche Muslime beteiligen. Diese Einsicht ließ mich die Trittleiter holen, um den halben Meter Umweltlektüre zu durchforsten. Und ich war erstaunt, wie differenziert z.B. in Saudi Arabien, im Oman oder in Indonesien mit Zitaten aus dem Qur´an über die khalifatische Verantwortung auch für den Erhalt der Mitschöpfung diskutiert worden ist und wird. So schreibt Fazlun Khalid, 1992, dass es etwa 500 Ökologie relevante Ayat im Qur´an gäbe; und er verweist auf aya 74 in der Sure 7: „Remember Allah´s blessings and do not go about the earth corrupting it“. Hartmut Bobzin übersetzt den Abschnitt mit den Worten: „Erinnert euch an die Gnadengaben Gottes, und handelt nicht verderblich auf der Erde – als Unheilstifter.“

Die Grundsatzerklärung zur Gründung der saudischen Umweltschutzorganisation nennt die einzelnen Ayat im Zusammenhang mit den Fachgebieten gleich Wasser, Luft und Pflanzen usw., um im Schlussabschnitt zu schreiben: „Schutz und Bewahrung der Umwelt sind wichtige und vitale Aufgaben. Sie sind in sich islamische Herausforderungen, denn der Mensch ist Zentrum, Ziel, Subjekt und Mittel zur gleichen Zeit.“

Die qur´anische Offenbarung als Gespräch zwischen dem ehrwürdigen Propheten und seinen Zeitgenossen (23:78–90) macht deutlich, dass man zwar weiß, dass Gott, der Erhabene, der Schöpfer ist und ihm alles gehört, im Alltag verdrängt man bequemer Weise die Konsequenzen dieses Wissens. Es geht jedoch darum, den Erhalt der Mitschöpfung als khalifatische Aufgabe zu erkennen und sie in das alltägliche Verhalten zu integrieren. Abu Bakr war sich dessen offensichtlich bewusst, als er den ausrückenden Truppen sagte: „Fällt keine Bäume und tötet keine Tiere außer für Euren eigenen Bedarf, vergiftet keine Brunnen.“ Von dieser Anweisung ist es nur ein kleiner Schritt zur Bewahrung der Bio-Diversität, d.h. der Vielfalt der Mitschöpfung. Ihre Bedrohung durch das Mitgeschöpf Mensch deutet für manche islamischen Denker auf eine spirituelle Krise schlechthin an. Die khalifatische Nutzung der Mitschöpfung und ihre Gestaltung schlugen im Zuge der wachsenden Illusion der technischen Machbarkeit in Ausbeutung um, mit der der Mensch von der Rechtleitung abirrte. Mystiker wohl aller Glaubensweisen, Religionen, sehen hierin die eigentliche Krise des Menschen in der Moderne. Ist nicht die Sorge um den Erhalt der Mitschöpfung wenigstens der Versuch, nicht zum Unheilstifter in der Schöpfung zu werden?

Bisher wurden die Begriffe des ´Unheilstifters´ und der Gerechtigkeit vor allem im Zusammenhang mit der Dimension „halal-haram“ diskutiert, muss man ihn angesichts der neuen Erfahrung der Ausbeutung der Schöpfung nicht erweitern? So wäre die Frage in Sura 38 aya 28 nach der „Verderbnis auf Erden“ neu zu stellen, denn der Ungläubige mag eher den durch Ausbeutung und „unmäßige Liebe“ zu erreichende Reichtum (89:20) anstreben als der Gläubige, der die Taqwa in dem Bewusstsein des aya lebt: „Siehe, alles haben Wir in gebührendem Maße und Verhältnis erschaffen“ (54: 49). So gälte es die Verschwendung neu zu interpretieren, d.h. auch in Bezug auf  die Begrenztheit zahlreicher Naturstoffe gleich dem Öl oder bestimmter Mineralien.

Muslimische Gelehrte haben daher darauf verwiesen, dass unter den Begriff der ´Rechenschaft´, Akrah, auch die Bewahrung der Harmonie Seiner Schöpfung fällt.

Der hier in aller Vorsicht begonnene Diskurs bedarf der stetigen Erweiterung, an dem sich möglichst viele Muslime beteiligen sollten. Während der oben angesprochenen Loccumer Tagung machten einige junge Muslime ernst und gründeten einen Gesprächskreis zum Umweltschutz. Sie orientierten sich u.a. dabei an der von Fazlun Khalid gegründeten britischen Gruppe, die die Zeitschrift „ECO-Islam“ herausgibt. Interessierte mögen bei www.ifees.org.uk nachschauen.

Wolf D. Ahmed Aries

Publiziert in der Ayasofya 34 2011

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